KOLUMNE
von Christian Topp
Der Biologe und Pflanzenfreund Stefano Mancuso glaubt nicht daran, dass Pflanzen Schmerz empfinden können. Zumindest sagt er das im Interview in dieser Ausgabe des forum („Wir müssen nicht die Natur retten, sondern uns“). Unfassbar die Vorstellung, welches Leid der Flora ansonsten ständig zugefügt würde. Man denke nur daran, wie viele gebrochene Zweige und verletzte Gräser ein einziger Wald- und Wiesengang hinterlässt. Oder welch absurd kurzes Leben einem Salatkopf beschieden ist, bevor er in Öl und Essig gebadet seine letzte Reise antritt. Vom traurigen Leben der Zimmerpflanzen ganz zu schweigen, die sehnsüchtig aus dem Fenster auf die milde Abendsonne starren und darauf hoffen, dass endlich einmal eine leichte Brise auch ihre Blätter umweht.
Was Pflanzen fühlen, wissen wir nicht. Dass sie etwas fühlen, scheint aber offensichtlich. Die Venusfliegenfalle zum Beispiel fühlt sich besonders wohl, wenn die Berührungsborsten in ihren Blüten aktiviert werden. Registriert sie damit innerhalb von zwanzig Sekunden mindestens zwei Kontakte, schnappt die Falle zu. Ab diesem Moment ist das Opfer chancenlos. Mit Hilfe von integrierten Eiweißrezeptoren checkt die Pflanze noch mal schnell, ob sie wirklich ein Insekt gefangen hat, bevor spezielle Verdauungsenzyme die Beute zersetzen. Nur ein paar Tage braucht die Fleischfresserin, um die tierischen Nährstoffe vollständig aufzunehmen. Einzig die ungenießbare Chitinhülle des Insekts bleibt übrig. Sie fällt herunter oder wird hinweggeweht, um Platz zu schaffen für das nächste Opfer.
Für eingefleischte Vegetarier und Veganer ist die Existenz von fleischfressenden Pflanzen wahrscheinlich eine Zumutung, erinnert sie doch daran, dass in der Natur vor allem ein Gesetz gilt: fressen oder gefressen werden. Pflanzen haben bei diesem ewigen Spiel meist die schlechtesten Karten. Sie stehen am Anfang der Nahrungskette. Die Venusfliegenfalle aber akzeptiert diese Ordnung offensichtlich nicht. Ihre Botschaft: Man kann sich wehren, selbst wenn die Verhältnisse – siehe Nahrungskette – übermächtig und festgezurrt scheinen.
Auf dem hart umkämpften Markt der moralischen Überlegenheit galt Vegetarismus lange Zeit als kaum zu schlagendes Argument. Doch seit sich der Veganismus zumindest in den urbanen Gegenden immer weiter ausbreitet, befinden sich Vegetarier in der Argumentations-Defensive. Rinderhaltung sei klimaschädlich, lautet ein Vorwurf, und überhaupt: Wer sich Milch in den Kaffe kippt und Camembert isst, dem sei das Tierwohl anscheinend völlig egal. Mittlerweile gibt es sogar Anbieter für veganen Strom. Einzig bei Photovoltaik, Gezeitenkraft und Geothermie kämen keine Tiere zu Schaden, sagen die Anbieter. Die Venusfliegenfalle wirkt in diesem Umfeld ein wenig anachronistisch. Eine Pflanze, der das Tierwohl völlig egal ist. Besonders sensible Mitmenschen sehen wahrscheinlich das Problem: Aus welchem Grund soll das Tierwohl mehr wert sein als das Pflanzenwohl? Bis zur endgültigen Auflösung dieses Dilemmas gilt deshalb weiterhin die archaische Logik: fressen oder gefressen werden.