AM RANDE 1/7
Ränder können Grenzen des Alltäglichen aufzeigen oder Grenzen einer Norm. Oft geht es um einen Übergang vom Vertrauten ins Nicht-Vorstellbare, vom Bekannten ins Fremde. In jedem Fall aber bieten sie uns die Chance, neue Perspektiven zu entwickeln und die Welt nicht nur aus ihrer Mitte heraus zu begreifen.
Body-Modification der Extreme
Sie wenden viel Zeit und Geld auf und nehmen Schmerzen in Kauf, um sich in tierische Wesen zu verwandeln. Zwei der bekanntesten Vertreter, die eine umfangreiche „Body-Modification“ hinter sich haben, sind Erik Sprague „The Lizardman“ (Foto oben) und Denis Avner (gest. 2012) „The Stalking Cat“. Großflächige Tätowierungen an Körper und Gesicht, Piercings (z.B. für Schnurrhaare), Gesichts-Implantate, angeschliffene Zähne oder eine gespaltene Zunge sind nur einige der Eingriffe auf dem langen Weg der Verwandlung. Denis Avner, gelernter Sonar-Techniker und Programmierer, führte eine alte Tradition der Wyandot als Motivation an, sich in sein Totem, einen Tiger, zu verwandeln. Er starb mit 54 Jahren. Erik Sprague studierte Philosophie; seine Doktorarbeit brach er zugunsten seiner Karriere als Performance-Künstler ab. Daneben ist er Autor, Musiker und Schauspieler und lebt gemeinsam mit seiner Frau in Austin, USA.
Leuchtturmwärter
Palagruža ist eine kleine Insel – besser gesagt ein großer Felsen mitten im Meer zwischen Kroatien und Italien. Der Leuchtturm darauf ist einer der letzten, der noch mit einem Wärter besetzt ist. Vojo macht diesen Job seit 26 Jahren. Schichtwechsel ist jeweils nach einem Monat. Wenn er sich mit dem Schnellboot zur Insel aufmacht, muss er darauf achten, dass er nichts, was er im kommenden Monat benötigt, vergisst, denn Nachschub gibt es nicht. Die Hauptaufgabe des Leuchtturmwärters besteht darin, dafür zu sorgen, dass das Licht im Turm zuverlässig leuchtet, sodass die Schiffe nachts sicher an Palagruža vorbeiziehen können. Zum anderen gibt es auf der Insel eine Wetterstation, deren Daten täglich – von 5 Uhr morgens an alle drei Stunden – an den kroatischen Wetterdienst gemeldet werden müssen. Die vielleicht schwierigste Aufgabe aber ist es, mit dem Alleinsein zurecht zu kommen. „Wer die Tage zählt, hält es hier nicht lange aus.“ Trotzdem ist für Vojo die Arbeit auf dem Leuchtturm sein Berufsideal. Auch wenn die Wochen im Sommer, wenn ihn seine Frau auf die Insel begleitet, die schönsten sind. Dann genießen sie beide die Natur, das Meer und die Ruhe. Und Vojo achtet darauf, dass die Schiffe ungefährdet an Palagruža vorbeiziehen können.
Fraktale – unendliche Komplexität
Astverzweigungen und Küstenlinien, Felsen und Wolken, Bronchien und Kristalle – sie alle besitzen scheinbar chaotische, willkürliche Ränder, die jedoch eine mathematische Regelmäßigkeit erkennen lassen, wenn man nahe genug heranzoomt. Diese so genannten Fraktale wiederholen sich auch noch bis ins Unendliche, sodass vergrößerte Ausschnitte dem Gesamtbild ähneln. Der Mathematiker Benoît Mandelbrot hat uns mit der Schönheit dieses geometrischen Phänomens bekannt gemacht.
Christine Busta: Am Rande
Manchmal auf einer Schwelle sitzen,
ausruhn vom Gehen, das nicht ankommt,
die Tür hinter dir und nicht klopfen.
Alle Geräusche wahrnehmen
und keines verursachen.
Das Leben, das dich nicht annimmt, erhören:
Im Haus, auf der Straße,
das Herz der Maus und des Motors,
die Stimmen von Luft und Wasser,
die Schritte des Menschen, der Sterne,
das Seufzen von Erde und Stein.
Manchmal setzt sich das Licht zu dir
Und manchmal der Schatten,
treue Geschwister.
Staub will nisten auf dir
Und unbetretbarer Schnee.
Langsam unter der Zunge
wärmt sich dein letztes Wort.
aus: Christine Busta: Unterwegs zu älteren Feuern.
© Otto Müller Verlag, 1965
Die Kunst der Fuge
Am Rand – dort also, wo zwei Materialien aufeinanderstoßen – zeigt sich die wahre Meisterschaft. Die Gestaltung der Fuge gilt in Architektur und Design als Königsdisziplin. Jede Fuge muss technischen und gestalterischen Herausforderungen gerecht werden. Es geht um Materialität, Ästhetik, Bewegung, Ausgleich, Funktionalität, Alterung, Wartung … Aus technischer Sicht ist eine Fuge nur ein kontrollierter Zwischenraum zwischen Bauteilen, der clever zwischen unterschiedlichen physikalischen Material-Eigenschaften vermitteln muss. In der Praxis aber ist die Fuge vor allem ein Spalt, der spaltet – zumindest die Fachwelt: Die Perfektionisten träumen von der unsichtbaren Fuge als Symbol für maximale Präzision. Ihre Widersacher wiederum wollen, dass Fugen deutlich sichtbar sind als Zeichen handwerklicher Arbeit und Ausdruck von Materialehrlichkeit. Und mittendrin gefangen existiert die Allerwelts-Fuge aus Silikon. Eher unscheinbar erfüllt sie einige Jahre lang ihre Dichtungs-Pflicht, doch irgendwann wird die Belastung zu groß, und sie beginnt langsam vor sich hin zu rotten.
Am Rand der Weltkarte
Neuseeland wird bei den eurozentrierten Weltkarten ganz rechts unten abgebildet, noch hinter Australien. Oder auch gar nicht. Zahlreiche Weltkarten, Abbildungen, Spiele etc. haben sich das kleine Land einfach „gespart“. Was wiederum am Stolz der „Kiwis“ – so nennen sich die Neuseeländer*innen – kratzt. Und großes Kino auf den Plan gerufen hat: Die ehemalige Premierministerin höchstselbst, Jacinda Ardern, hat 2018 zusammen mit dem Komiker Rhys Darby ein humorvolles Video in die Welt hinausgeschickt, das auffordert: Get New Zealand on the Map!
Künstlerische Außenseiter?
„Art brut“ (rohe Kunst) oder „Outsider Art“ (Außenseiter-Kunst) sind Sammelbegriffe, unter denen künstlerische Werke von Menschen mit Behinderung, psychischen Erkrankungen oder einer gesellschaftlichen Außenseiterrolle vom Kunstmarkt in der Regel zusammengefasst werden. Im Augustinum hat diese „Outsider Art“ schon lange einen festen Platz. Seit mehr als 30 Jahren gibt es unter Leitung von Klaus Mecherlein das Atelier Augustinum in Oberschleißheim. Hier finden Künstler*innen mit kognitiver Beeinträchtigung einen professionellen Entfaltungsraum für ihre künstlerische Arbeit. Außerdem verleiht die Augustinum Stiftung seit 2000 alle drei Jahre den euward, den Europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung. Der renommierte Preis wird 2027 im Münchner Haus der Kunst zum zehnten Mal vergeben. Nimmt man die bisherigen neun Wettbewerbe zum Maßstab, dann wird auch nächstes Jahr im Museum wieder eine unglaubliche Vielfalt künstlerischer Positionen, ihre Qualität und Vitalität zu bestaunen sein.
Am Ende der Welt
Alles hat ein Ende. Klar! Unsere Welt hingegen hat viele Enden, sehr viele Enden – zumindest geografisch gesehen. Kap Finisterre zum Beispiel, Pilgerziel im äußersten Zipfel Spaniens für all jene, denen Santiago de Compostela nicht westlich genug liegt. Oder das Finistère in der Bretagne. Die alten Römer waren davon überzeugt, dort das Ende der Welt (finis terrae) gefunden zu haben. Damals hatten sie anscheinend England noch nicht für sich entdeckt. Oder waren sie nur verwirrt, weil auf der britischen Insel gleich mehrere Orte als World’s End auf den Landkarten verzeichnet sind? Nach übereinstimmenden Berichten ist am Ende der Welt meist mehr los, als man im ersten Moment vermuten würde. So gilt der Blick vom „World’s End Lookout“ am südafrikanischen Blyde River Canyon zwar als atemberaubend, aber in aller Regel teilt man ihn sich mit einer Vielzahl von anderen Touristen und Andenkenverkäufern. Am „Fin el Mundo“, dem südlichen Ende der Panamericana, soll es dagegen recht beschaulich zugehen. Man blickt auf die letzten Ausläufer der Anden und irgendwo da draußen leicht südwestlich muss auch Kap Hoorn liegen, der sagenhafte von den Seeleuten gefürchtete aüßerste Punkt Südamerikas: „Un denn segelt wi so langsam rund Kap Horn / Un de See, de steiht von Achtern und von Vorn / Un de Storm, de weht ut Ost, West, Süd un Nor’n / Un denn segelt wi so langsam rund Kap Horn.“