Wer schreibt, der bleibt, heißt es. Manchmal aber sind es vor allem die Nebensächlichkeiten, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Von Christian Topp
1. Randnotizen
Von Patrick Süskind, einem der menschenscheuesten Bestsellerautoren der Literaturgeschichte, gibt es einen kleinen Text von 1986, in dem der Ich-Erzähler ein Büchlein aus seinem Regal fischt und ein wenig darin herumblättert. Bald ist er so gefesselt von dem Text, dass ihn selbst, anders als sonst, nicht einmal die mit Bleistift von seinem lesenden Vorgänger eingefügten Unterstreichungen und Ausrufezeichen stören. Als er zum Höhepunkt der Erzählung kommt, schließt er vor Begeisterung kurz die Augen, um dem Gelesenen nachzusinnen: „Und automatisch fast greift meine Hand zum Bleistift, und ‚du musst dir das anstreichen‘, denke ich, ‚ein Sehr gut‘ wirst du an den Rand schreiben und ein dickes Rufzeichen dahintersetzen und mit ein paar Stichworten die Gedankenflut notieren, die die Passage in dir ausgelöst hat, deinem Gedächtnis zur Stütze und als dokumentierte Reverenz an den Autor, der dich so großartig erleuchtet hat!“ Diese Gedanken formuliert der Ich-Erzähler des Textes, sieht dann aber, dass dort, genau an dieser Stelle bereits ein „Sehr gut“ steht, exakt mit seiner Handschrift hingeschrieben.
Die eigenhändige Randnotiz steht bei Süskind für ein Phänomen, das er „Amnesie in litteris“ nennt – den vollständigen literarischen Gedächtnisschwund. Wozu überhaupt noch lesen, wenn schon nach kurzer Zeit kaum noch der Schatten einer Erinnerung bleibt, fragt er sich. Und fühlt sich bestätigt durch einen Blick auf sein Regal: „Die beiden roten Bände dort, die dicken mit den roten Stoffähnchen, die muss ich doch noch kennen, gelebt habe ich in diesen Bänden, wochenlang, vor gar nicht allzu langer Zeit.“ Um dann festzustellen, dass es sich um „Die Dämonen“ von Dostojewskij handelt. „Mir scheint, ich erinne mich vage: Das Ganze spielt, glaube ich, im 19. Jahrhundert, und im zweiten Band erschießt sich jemand mit einer Pistole. Mehr wüsste ich darüber nicht zu sagen.“
Manch eine Randnotiz aber bekommt auf wundersame Weise eine Bedeutung, die bei ihrer Niederschrift noch nicht abzusehen war. Der französische Mathematiker Pierre de Fermat zum Beispiel kritzelte Mitte des 17. Jahrhunderts während der Lektüre der Arithmetika von Diophantos von Alexandria auf Lateinisch eine kurze Randbemerkung in das Buch, die erst nach seinem Tod vom Sohn im Nachlass entdeckt wurde: „Es ist jedoch nicht möglich, einen Kubus in 2 Kuben, oder ein Biquadrat in 2 Biquadrate und allgemein eine Potenz, höher als die zweite, in 2 Potenzen mit ebendemselben Exponenten zu zerlegen: Ich habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, doch ist dieser Rand hier zu schmal, um ihn zu fassen.“
Obwohl sich seitdem zahlreiche führende Mathematiker ihrer Zeit mit diesem Thema beschäftigten, sollte es rund 350 Jahre dauern, bis die locker hingeschriebene „Fermatsche Vermutung“ endlich mathematisch bewiesen wurde. Die Beweisführung von Andrew Wiles und Richard Taylor gilt mittlerweile als einer der Höhepunkte der Mathematik des 20. Jahrhunderts.
2. Griffelglossen
Die Marginalie gilt vielen als ältere Zwillingsschwester der Randnotiz. Im übertragenen Sinne ist sie aber vor allem eine Nebensächlichkeit, die auf vielen mittelalterlichen Handschriften und alten Drucken zu finden ist. Besonders aufschlussreich für die historische Sprachforschung sind die so genannten Griffelglossen. Weil selbst die Mönche außerhalb der klösterlichen Skriptorien (Schreibräume) keinen Zugriff auf Tinte und Schreibfeder hatten, haben sie in Momenten akuten Ausdruckszwangs in ihrer Zelle zum Griffel gegriffen, um das, was unbedingt mal gesagt werden musste, ins Pergament zu ritzen. Heute sind die am besten bei Streiflicht zu lesenden Ritztexte eine spannende Quelle für die Forschung. Denn ihre Inhalte und Ausdrucksweisen weisen in der Regel weit über das Spektrum des erhabenen Tons der klösterlichen Schriftsprache hinaus.
3. Fußnoten
Fußnoten haben einen schlechten Ruf. Zumindest bei den Leser*innen, die sich für ein Leben jenseits der wissenschaftlichen Welt entschieden haben. Dort aber, wo geforscht, analysiert, interpretiert und veröffentlicht wird, gelten sie als unverzichtbares Wurzelwerk jeder ernstzunehmenden Publikation. In ihnen werden Anmerkungen ausgelagert, die den Lesefluss für gewöhnlich stören.1 Wenn ein anspruchsvoller Text aber frei von Fußnoten ist, handelt es sich in der Regel um literarische, journalistische oder anderweitige Gebrauchstexte.2 Ansonsten gelten die Norm DIN 50083 oder die entsprechenden Duden-Regelungen4. In der digitalen Welt, also jenseits von gedruckten oder ausdruckbaren Seiten, haben es Fußnoten schwer. Hier kennt man vor allem die Endnote.5
(1) u.a.: Erklärungen, Übersetzungen einer Textpassage, Quellenangaben, Querverweise, abschweifende Gedanken zum Thema, Stand der Forschung u.v.a.m.
(2) Natürlich gibt es auch Fußnoten in nicht-wissenschaftlichen Texten. Der 1996 im Original veröffentlichte Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace zum Beispiel hat in seiner deutschen Übersetzung (Ulrich Blumenbach, 2009) 388 Fußnoten (Endnoten), die sich über 134 Seiten erstrecken.
(4) wikipedia: Dudenregeln für Fußnoten
(5) „Als Endnoten bezeichnet man Anmerkungen in einem Drucklayout, die im Gegensatz zu Fußnoten an das Ende des Werkes ausgelagert werden und damit aus der linearen und sequentiellen Struktur des zugrundeliegenden Textes ausbrechen. Endnoten werden, wie auch Fußnoten, im Text hochgestellt.“ Quelle: wikipedia