Ein Blick über den Rand der Scheibenerde
KOLUMNE
von Christian Topp
Daran, dass die Erde eine Scheibe ist, zweifelt man als kleines Kind in der Regel nicht. Denn es ist ja offensichtlich: Wäre die Erde eine Kugel, dann würde beim Fußball der Ball ohne jede Berührung automatisch zum Rand des Spielfelds rollen, Schwimmbäder würden auslaufen wie Badewannen, bei denen jemand den Stöpsel gezogen hat, und ständig müssten wir darauf achten, auf der oberen Halbkugel zu bleiben, um den Kopf nicht automatisch hängen zu lassen. Natürlich gibt es auch in jungen Jahren schon Irritationen. Was zum Beispiel passiert, wenn man unvorsichtigerweise einen Blick über den Rand der Erdenscheibe wagt. Besteht dort eine erhöhte Absturzgefahr? Oder befindet sich wie im Film „Die Truman Show“ an der Kante einfach nur eine Projektionsfläche, hinter der das richtige Leben stattfindet?
Dass die Erde keine Scheibe ist, haben einige unserer besonders cleveren Vorfahren bereits in der Antike geahnt, Pythagoras zum Beispiel, Platon oder auch Aristoteles. Im 3. Jahrhundert vor Christus hat dann Eratosthenes von Kyrene zur Zeit der Sommersonnenwende eine Beobachtung gemacht, die zur Grundlage seiner Berechnungen des Umfangs der Erdkugel wurde. Wenn die Sonne zur Mittagszeit im Zenit stand, stellte er fest, dann war im südägyptischen Kyene, dem heutigen Assuan, kein Schatten zu sehen. Im nordägyptischen Alexandria aber, das ungefähr auf dem gleichen Längengrad liegt, schien die Sonne zur gleichen Zeit mit einem Einfallswinkel von sieben Grad. Nach seinen Berechnungen musste das einen Gesamtumfang der Erde von 42.250 Kilometern ergeben. Mehr als 2.000 Jahre später weiß man, dass der Umfang über die Pole gemessen 40.007,76 Kilometer beträgt.
Anhänger der Scheibenerdentheorie werden an dieser Stelle laut „Stopp" rufen, denn sie sind fest davon überzeugt, dass die Erde keine Kugel sein kann und berufen sich dabei auf die Bibel – unter anderem auf die Offenbarung 7.1: „Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum.“ Der Brite Samuel Rowbotham hat auf diese und andere Bibelstellen aufbauend im 19. Jahrhundert detailliert eine „Flat Earth Theory“ ausgearbeitet. Demnach ist die Erde in Wirklichkeit eine flache Scheibe, in deren Mitte der Nordpol liegt und deren Rand von einem unüberwindbaren Eiswall gebildet wird – dem Südpol. Die Sonne wiederum befindet sich nach seinen Berechnungen weniger als 4000 Meilen von London entfernt.
Bisher konnte sich seine Scheibentheorie noch nicht flächendeckend durchsetzen. Aber immerhin hat bei einer Umfrage im Jahr 2018 ein Sechstel der Befragten angegeben, nicht vollständig von der Kugelform der Erde überzeugt zu sein. Zugegeben, die Zahlen stammen aus den USA, wo Verschwörungstheorien traditionell ein wohlwollendes Publikum finden. Aber auch in Deutschland gibt es prominente Scheibenfreunde. Zum Beispiel den Sänger Xavier Naidoo, der freilich seit seinem Bühnen-Comeback vor ein paar Monaten in der Öffentlichkeit nicht mehr über außermusikalische Themen redet.
Zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Zürich haben vor ein paar Jahren versucht, die Frage nach der Form der Erde ohne „physikalische Grundannahmen und frei von ideologischen Paradigmen“ zu stellen. Ihre Methode: Statistik. Als rein mathematische Wissenschaft würde sie am ehesten ein objektives, also vorurteilsfreies Ergebnis liefern, so ihre These. Sie werteten öffentlich zugängliche und leicht überprüfbare Flugdaten aus, um festzustellen, welches Modell statistisch gesehen plausibler ist. Das Ergebnis ihrer statistischen Untersuchung (mehr Informationen finden Sie hier) wird Anhänger der Flat-Earth-Theorie sicher enttäuschen. Könnte man über den Rand der Scheibenerde schauen, wäre dort auch nur eine Krümmung zu sehen.


