Lesen, Hören, Schauen

Von Antje Bohnhorst
Startet man dieses Album, erwartet man eigentlich das typische Knistern und den leicht blechernen Mono-Klang einer Schellack-Platte. Mit der CD „Saxophobia. Celebrating the sax craze of the 1920s“ haben der renommierte Saxophonist Chad Smith und das Orchester Sinfonia of London unter der Leitung von John Wilson jedoch den Staub von den alten Stücken weggeblasen und lassen die Töne in aller Frische und Klarheit erstrahlen. Nachdem Adolphe Saxe in den 1840er Jahren das Saxophon entwickelt hatte, führte es zunächst ein Nischendasein in Militärkapellen. Zu seinem rasanten Aufstieg in der Zeit um den 1. Weltkrieg herum trug Rudy Wiedoeft bei, von dem die meisten Stücke auf diesem Album stammen. Der Sohn deutscher Einwanderer wechselte um 1914 herum von der Klarinette auf das Saxophon, spielte in bekannten Bigbands, gründete selbst Orchester und trug mit seinen Kompositionen und vielen Aufnahmen zur wachsenden Beliebtheit des Saxophons bei. Chad Smith, der sowohl am Broadway als auch durch sein Mitwirken in Filmsoundtracks und als Bühnenmusiker bei u.a. Tony Bennett, Ray Charles und Aretha Franklin einen Namen hat, hat Musikstücke ausgewählt, die die ganze Bandbreite der Stimmungen, die man mit einem Saxophon erzeugen kann, zeigen. Die meisten Stücke sind tanzbar - Walzer, One Step, aber auch ein orientalisch angehauchtes, melancholisches Stück und ein temperamentvoller Danse Hongroise, unterbrochen von zwei Vokalstücken (von Victor Herbert und Irving Berlin), gesungen von Mikaela Bennett. Nostalgie im besten Sinne - großes musikalisches Können, mitreißende Rhythmen und souveräne Spielfreude. Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, in der noch Orchester zum Tanz aufspielten - also: Die Kreissäge aufgesetzt, die Wasserwelle gerichtet, den Oldtimer vorfahren lassen, und los geht’s!

Von Antje Bohnhorst
Ein Debütroman stürmt die Bestsellerlisten in den USA und in Deutschland, und die Filmrechte waren bereits vor Erscheinen verkauft. Die Redakteurin, Podcasterin und Autorin Caro Claire Burke hat mit ihrem Roman „Yesteryear“ wohl einen Nerv getroffen. Man könnte annehmen, es handele sich um eine Satire auf das Internet-Phänomen der „Tradwives“, doch wenn man denkt, man habe hinter die Fassade geschaut, tun sich weitere Abgründe auf. „Tradwives“ machen aus einer Lebensentscheidung – zuhause zu bleiben, sich um die Kinder zu kümmern und den Haushalt zu führen – eine Lebensanschauung, zu der auch gehört, sich dem (Ehe-)Mann unterzuordnen. In den Videos sieht man perfekt im Stil der 50er Jahre gekleidete, junge Frauen Teig rühren – verschwiegen wird dabei, dass diese Frauen mit den Videos Geld verdienen und somit eben nicht dem traditionellen Frauenbild entsprechen. Man fragt sich außerdem, warum sie sich die 50er Jahre aussuchen, als es schon Staubsauger, Waschmaschine und Elektroherd gab, und nicht das 19. Jahrhundert. Caro Claire Burke spielt genau dieses Gedankenspiel durch: Natalie Heller Mills, in einem sehr christlichen, traditionellen Umfeld aufgewachsen, gibt ihr Studium auf, heiratet einen Mann aus reicher Familie, zieht mit ihm auf eine abgelegene Farm, und bekommt Kinder. Mit ihren Fotos vom Ehemann in Cowboystiefeln, der adretten Kinderschar und ihren Küchenvideos erreicht sie im Lauf der Zeit Millionen Frauen – was sie verschweigt: Die Farm ist vom reichen Daddy finanziert, die modernen Küchengeräte sind hinter Holzwänden verborgen, zwei Nannys und eine Produzentin übernehmen weniger fotogene Arbeiten, das angebliche Bio-Gemüse ist gespritzt, und auch ihr Mann kommt nicht ohne mexikanische Hilfsarbeiter aus … Als die Risse in der Fassade offensichtlich zu werden drohen, findet sich Natalie eines Morgens im 19. Jahrhundert wieder. Es ist noch ihr Haus, ihr Mann, und Kinder, die durchaus ihre sein könnten, aber was sie bisher nur vorgegeben hat, ist jetzt ihr Alltag: Ohne Küchengeräte Brot backen und Butter herstellen, sich ihrem Mann unterordnen … Ein Traum? Eine Zeitreise? Eine Reality-Show? Wie die beiden Handlungsstränge aufgelöst werden, sei hier nicht verraten. Wir erleben Natalies Welt nur durch ihre Augen, und sie ist keine sympathische Heldin. Schildert sie ihr eigenes Leben, scheint sie sich zeitweise der Risse sehr bewusst zu sein, zieht aber keine Konsequenzen daraus. Dass auch ihre Kindheit nicht perfekt war, ahnt man nur, und ob ihre Annahmen über das unglückliche Leben der modernen, liberalen „wütenden Weiber“, besonders ihrer ehemaligen College-Zimmernachbarin Reena, mit der sie sich jahrelang vergleicht, stimmen, erfahren wir nicht. Ihre Beobachtungen enthalten sicherlich einen Kern von Wahrheit, und so deutet der Roman zumindest an, dass nicht unbedingt konservativer oder moderner Lebensstil das Problem sind, sondern die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft. Und genau hier legt der Roman wohl den Finger in die Wunde. Keine ganz einfache, aber eine fesselnde und nachdenklich machende Lektüre.
Caro Claire Burke: Yesteryear, Roman, Heyne 2026, 461 Seiten, 24 Euro

Von Christian Topp
(noch alt) „Eine richtige Seite, eine Seite, auf der man, ohne schamrot zu werden, stehen konnte, wird es wohl nicht mehr geben. Und wo ich heute stehe, … das weiß ich nicht. Weiß ich nicht mehr. Vielleicht auf dem Deck eines Narrenschiffs.“ Auf 750 Seiten erzählt Christoph Hein nüchtern, trocken, eher chronistisch die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik von ihrer Gründung bis zur Wiedervereinigung. Den einleitend zitierten Satz sagt Karsten Emser, Ökonom und Mitglied des Zentralkomitees, und er charakterisiert damit das Verhalten fast aller Personen des Romans, egal auf welcher Seite sie im Kalten Krieg stehen: Opportunismus – aus den verschiedensten Gründen. Emser selbst, der die Säuberungen unter Exil-Deutschen in Moskau 1937 miterlebt hat, geht es vor allem um das Überleben – zunächst ganz wörtlich genommen, später in der DDR in einem Klima, in dem sein Fachwissen nicht gefragt ist und die Parteilinie wider besseres Wissen durchgesetzt werden muss. Johannes Goretzka geht es dagegen hauptsächlich um persönliche Vorteile; vom begeisterten Anhänger der Nationalsozialisten wandelt er sich aus Opportunismus zum überzeugten Sozialisten, der in der jungen DDR für sich und seine Frau Beziehungen nutzt, um einflussreiche Positionen zu erlangen. Nur sein fachlicher Übereifer, gepaart mit mangelndem Einfühlungsvermögen, verhindert sein weiteres Fortkommen. Er verbittert zunehmend. Benaja Kuckuck wiederum, renommierter Literaturwissenschaftler, kommt aus Überzeugung aus dem britischen Exil zurück nach Deutschland, nur um zu erleben, dass er im Westen als Kommunist und im Osten als Kosmopolit beargwöhnt wird – sein Opportunismus soll das blanke Überleben auf diesem ihm als Intellektuellem fremden Parkett sichern. Alle Figuren und auch ihre Ehefrauen haben allerdings die Zeit des Nationalsozialismus als dem Regime verdächtige bzw. unerwünschte Personen erlebt, was ihr späteres Verhalten vielleicht verständlich macht. Die Geschehnisse, erlebt und immer wieder schonungslos diskutiert und kommentiert von den Figuren des Romans, legen den Schluss nahe, dass der DDR das Scheitern schon bei ihrer Gründung eingeschrieben war und die Personen am Steuer des Staatsschiffs jegliche Versuche, den Kurs zu ändern, im Keim erstickten. So machen die Ereignisse des Jahres 1989 und die erste Zeit danach als unausweichliche, nur aufgeschobene, nicht abgewendete Konsequenz nur noch wenige Kapitel am Schluss des Romans aus. Christoph Hein verschweigt nicht, dass nach der Grenzöffnung nicht plötzlich alles rosig ist. Hoffnung auf einen Neuanfang gewährt er aber der jüngeren Generation, den Kindern und Enkeln der Familie Goretzka. Eine schonungslose, aber auch nicht ohne Sympathie für die ursprünglichen Ziele und Hoffnungen der Protagonisten erzählte Tour de Force durch die Geschichte der DDR.
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Von Antje Bohnhorst
Jean Sibelius (1865 – 1957) ist eher für seine Sinfonien und für seine vom finnischen Nationalepos Kalevala inspirierten Orchesterwerke bekannt. Die preisgekrönte deutsche Pianistin Annika Treutler hat sich für ihre aktuelle CD-Veröffentlichung mit dem ebenfalls mit internationalen Preisen ausgezeichneten Aris-Quartett zusammengetan, um ein wenig gespieltes Jugendwerk von Sibelius aufzunehmen, das Klavierquintett in g-Moll, JS 159. Seit Annika Treutler im Jubiläumsjahr 2015 für einen anderen Musiker eingesprungen war, begleitet sie die Musik von Sibelius, wie sie sagt: „… mit ihren endlosen Melodien, dieser Mischung aus Klarheit, Einfachheit und zugleich erstaunlicher Tiefe.“ Dem Klavierquintett von Sibelius spricht sie eine beeindruckende Größe zu, obwohl es auf den ersten Blick sperrig wirken könne. Der Komponist schuf das Quintett während seiner Studienzeit in Berlin. Zu seinen Lebzeiten führte der befreundete Komponist und Pianist Ferruccio Busoni Auszüge aus dem Werk auf; eine vollständige Uraufführung gab es erst 1965 in Turku, nach dem Tod von Sibelius. Eingebettet ist das facettenreiche, spätromantisch dramatische und gleichzeitig mit Leichtigkeit funkelnde Quintett in 15 ausgewählte Klavier-Miniaturen. Sibelius selbst soll das Schreiben seiner insgesamt 150 Klavier-Miniaturen eher als lästige Brotarbeit empfunden haben, aber Annika Treutler findet darin „kleine Fenster in eine kreative, offene und weite Gedankenwelt“. Sibelius‘ Aussage „Das Klavier interessiert mich nicht, weil es nicht singen kann“ hält Annika Treutler entgegen: „Für mich beweisen seine Klavierwerke genau das Gegenteil: Sibelius lässt das Klavier singen, klingen und schwingen.“ Das beweist sie mit ihrer Interpretation dieser kleinen Schmuckstücke, die von romantischen Impressionen mit Anklängen an die nordische Landschaft bis zu ausgelassenen kleinen Humoresken reichen. Eine Entdeckung, die sich lohnt!

Von Antje Bohnhorst
Steffen Kopetzky ist ein reiseerfahrener Autor. 2002 wurde er mit dem Roman „Grand Tour“ bekannt, und neben seinen preisgekrönten Romanen – 2015 stand er mit „Risiko“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises – veröffentlichte er u.a. auch Reisereportagen. 200 Jahre nach Erscheinen der „Harzreise“ von Heinrich Heine erscheint nun Kopetzkys „Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung“. Darin wandert er in mehrfacher Hinsicht auf den Spuren Heinrich Heines: Zunächst vollzieht er ganz buchstäblich Heines Wanderung nach. Ausgestattet mit wenig Gepäck, startet Steffen Kopetzky in Göttingen und wandert über Northeim, Osterode, Clausthal, Goslar, Bad Harzburg, den Brocken, das Ilsetal, Wernigerode und Rübeland bis nach Thale (hier folgt er den Spuren eines anderen deutschen Schriftstellers, Theodor Fontane). Aber auch in der Verarbeitung des Erlebten und Beobachteten sowie der Begegnungen während der Wanderungen und in den Ortschaften folgt er Heines Vorbild: Er knüpft an das Besondere, die konkreten Gegebenheiten und Gespräche an und hebt sie gedanklich ins Allgemeine. So vieles bündelt sich in diesem Mittelgebirge in der Mitte Deutschlands: Eine im wahrsten Sinne des Wortes reiche Geschichte, technische Innovationen, Märchen und Mythen, die Teilung in Ost und West, der strukturelle Niedergang der Region, herrliche Landschaften und die Folgen des Klimawandels für die Natur. So werden diese Wanderung und auch der Reisebericht weit über eine rein touristische Beschreibung hinaus zu einer Erkundung des heutigen Deutschland und münden in Gedanken, wohin der Weg gesellschaftlich und politisch gehen könnte.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung, Rowohlt 2026, 23 Euro

Von Christian Topp
Man muss sich Pawel Talankin als friedlichen Menschen vorstellen. Aufgewachsen ist er in Karabasch, einer kleinen Stadt in der russischen Uralregion, die aufgrund ihrer Umweltverschmutzung von der Unesco als „giftigster Ort der Welt“ eingestuft wird. Hier arbeitet er als Videograf in der Schule, die er als Schüler einst selbst besucht hat. Er liebt seine Heimatstadt und ihre Menschen. Schülerinnen und Schüler finden in seinem Klassenzimmer einen Ort der kleinen Freiheiten. Hier können sie sich ausprobieren, hier ist Platz für Kreativität. Doch dann, im Februar 2022, beginnt der russische Angriff auf die Ukraine – und die Zeiten ändern sich grundlegend. Auch in der Schule weit hinten im Ural. Mit seinen Filmen dokumentiert Talankin diesen Wandel – anfangs sogar auf staatliche Anordnung. Regelmäßig muss er Videos auf einen Server hochladen, die den Patriotismus der russischen Schülerinnen und Schüler nachweisen sollen. Als er im Sommer 2024 aus Russland flieht, hat er sein gesammeltes Videomaterial dabei. Es bildet die Grundlage für den Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“, der im Frühjahr 2026 mit dem Oskar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Verdient hat der Film diese Auszeichnung allemal: Er zeigt, mit welchem Tempo sich die staatlich gesteuerte Militarisierung der russischen Gesellschaft in den Schulalltag hineinfrisst. Plötzlich marschieren Grundschulkinder im Stechschritt durch die Gänge und müssen an einer Granaten-Weitwurf-Olympiade teilnehmen. Achtjährige lernen, wie man mit Waffen umgeht, und Söldner der Wagner-Gruppe rekrutieren im Unterricht militärischen Nachwuchs. Talankins Film wirft ein Schlaglicht auf die tiefen Wunden, die Putins Angriffskrieg nicht nur in der Ukraine, sondern auch im russischen Alltag hinterlässt.

Von Christian Topp
In den vergangenen 20 Jahren hat Saša Stanišić mehr als 30 Preise für sein schriftstellerisches Werk bekommen. Sein jüngst erschienenes Buch erhärtet die Vermutung, dass manch eine dieser Auszeichnungen auch deshalb vergeben wurde, weil man den Autor unbedingt als Festredner für die Preisverleihung gewinnen wollte. Die zehn abgedruckten Dankesreden zeigen einen Menschen, der die seltene Gabe hat, tiefsinnige und berührende, gleichzeitig aber auch unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Seine Reden verstecken sich nicht hinter einem theoretischen Überbau, vielmehr erzählen sie vom Leben, von der Flucht, vom Erlernen einer fremden Sprache, vom genauen Hinsehen … Und so staunt man mit dem Autor darüber, dass Stromkreise in Physikbüchern schematisch nicht rund, sondern immer als Rechtecke dargestellt werden. Oder man beschäftigt sich ganz ernsthaft mit der Frage, auf welche unterschiedliche Art verschiedene Häuser musizieren. Durch alle Reden schimmert ein Lebensthema, das Stanišić wohl seit seiner Kindheit und Jugend in Jugoslawien begleitet – das Anschreiben gegen eine Welt, in der Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg als normal gelten. In einer Poetikvorlesung an der Hochschule RheinMain hat er 2020 sein literarisches Programm prägnant zusammengefasst: „Literatur war immer der Gedankenstrich, der die Stimme und das Handwerk eines Autors zusammengebracht hat mit anderen Stimmen und Erfahrungen. Eine Literatur der Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, verbindet ästhetische Wucht mit ethischer Belastbarkeit. Den Willen zur Form mit dem zur Wahrheit. Überhaupt die erzählte Welt mit einer Welt, in der man leben möchte.“

Von Antje Bohnhorst
Das Freiburger Barockorchester ist eins der renommiertesten Ensembles für Alte Musik. Konzertreisen führen das Orchester regelmäßig nach Stuttgart und Berlin. In der Barockzeit hätte man diese Reisen nicht mit dem ICE, sondern mit der Kutsche unternommen und an den auf dem Weg liegenden Höfen Station gemacht. Auf Reisen konnten Künstler neue Eindrücke sammeln und an den einzelnen Höfen eine Anstellung finden. Das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von Gottfried von der Goltz hat für das aktuelle Album „Grand Tour“ diese Reise auf der (musikalischen) Landkarte der Barockzeit nachvollzogen und dabei in Rastatt, Nürnberg, Stuttgart, Meiningen und Eisenach Komponisten entdeckt, die nicht regelmäßig auf Konzertprogrammen stehen, aber zu ihrer Zeit durchaus einen Namen hatten. Gleichzeitig zeigt das Ensemble, wie die Musik in den deutschen Residenzen von französischen Vorbildern beeinflusst war und wo sich ein eigener Stil entwickeln konnte: Es beginnt in Rastatt mit einer frühlingshaften Suite von Johann Caspar Fischer (1656-1746). In Nürnberg begegnen wir Johann Christoph Pez (1664-1716) mit einem „Concerto Pastorale“. Johann Sigismund Kusser (1660-1727) hatte von seinen Reisen den französischen Einfluss Lullys nach Stuttgart gebracht. Wir hören seine Suite „Der verspielte Apollon“. In Meiningen tätig war ein Bach-Cousin, Johann Ludwig Bach (1677-1731), dessen Ouvertüre in G-Dur elegante Schlichtheit ausstrahlt. Georg Philipp Telemann (1681-1767) besucht das Orchester in Eisenach, wo er eine Hofkapelle aufbaute – eine Gelegenheit, sein Konzert für Flöte und Violine in das Programm aufzunehmen. In Berlin endet die Reise schließlich nach 800 Kilometern mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2 von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Die gleichzeitig feinsinnige und temperamentvoll-spritzige Live-Aufnahme zeigt, dass der Weg das Ziel sein kann.
Freiburger Barockorchester: Grand Tour, Aparte 2025, 19,99 Euro

Von Antje Bohnhorst
„Eine richtige Seite, eine Seite, auf der man, ohne schamrot zu werden, stehen konnte, wird es wohl nicht mehr geben. Und wo ich heute stehe, … das weiß ich nicht. Weiß ich nicht mehr. Vielleicht auf dem Deck eines Narrenschiffs.“ Auf 750 Seiten erzählt Christoph Hein nüchtern, trocken, eher chronistisch die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik von ihrer Gründung bis zur Wiedervereinigung. Den einleitend zitierten Satz sagt Karsten Emser, Ökonom und Mitglied des Zentralkomitees, und er charakterisiert damit das Verhalten fast aller Personen des Romans, egal auf welcher Seite sie im Kalten Krieg stehen: Opportunismus – aus den verschiedensten Gründen. Emser selbst, der die Säuberungen unter Exil-Deutschen in Moskau 1937 miterlebt hat, geht es vor allem um das Überleben – zunächst ganz wörtlich genommen, später in der DDR in einem Klima, in dem sein Fachwissen nicht gefragt ist und die Parteilinie wider besseres Wissen durchgesetzt werden muss. Johannes Goretzka geht es dagegen hauptsächlich um persönliche Vorteile; vom begeisterten Anhänger der Nationalsozialisten wandelt er sich aus Opportunismus zum überzeugten Sozialisten, der in der jungen DDR für sich und seine Frau Beziehungen nutzt, um einflussreiche Positionen zu erlangen. Nur sein fachlicher Übereifer, gepaart mit mangelndem Einfühlungsvermögen, verhindert sein weiteres Fortkommen. Er verbittert zunehmend. Benaja Kuckuck wiederum, renommierter Literaturwissenschaftler, kommt aus Überzeugung aus dem britischen Exil zurück nach Deutschland, nur um zu erleben, dass er im Westen als Kommunist und im Osten als Kosmopolit beargwöhnt wird – sein Opportunismus soll das blanke Überleben auf diesem ihm als Intellektuellem fremden Parkett sichern. Alle Figuren und auch ihre Ehefrauen haben allerdings die Zeit des Nationalsozialismus als dem Regime verdächtige bzw. unerwünschte Personen erlebt, was ihr späteres Verhalten vielleicht verständlich macht. Die Geschehnisse, erlebt und immer wieder schonungslos diskutiert und kommentiert von den Figuren des Romans, legen den Schluss nahe, dass der DDR das Scheitern schon bei ihrer Gründung eingeschrieben war und die Personen am Steuer des Staatsschiffs jegliche Versuche, den Kurs zu ändern, im Keim erstickten. So machen die Ereignisse des Jahres 1989 und die erste Zeit danach als unausweichliche, nur aufgeschobene, nicht abgewendete Konsequenz nur noch wenige Kapitel am Schluss des Romans aus. Christoph Hein verschweigt nicht, dass nach der Grenzöffnung nicht plötzlich alles rosig ist. Hoffnung auf einen Neuanfang gewährt er aber der jüngeren Generation, den Kindern und Enkeln der Familie Goretzka. Eine schonungslose, aber auch nicht ohne Sympathie für die ursprünglichen Ziele und Hoffnungen der Protagonisten erzählte Tour de Force durch die Geschichte der DDR.
Christoph Hein: Das Narrenschiff, Roman, Suhrkamp 2025, 28 Euro

Von Antje Bohnhorst
Lili Körber, geb. 1897, Österreicherin mit polnischen Wurzeln, hatte in den 1930er Jahren erste literarische Erfolge. 1938 emigrierte sie in die USA, und ihr Werk geriet, wie das so vieler Exilanten, in Vergessenheit. Nun erschien aus dem Nachlass ihr kurz nach dem Krieg verfasster, bisher unveröffentlichter Roman „Abschied von gestern“. Auf lebendige, mitreißende, mitfühlende und moderne Art hält sie darin das Leben der Flüchtlinge in New York fest. Genia Schicht, Pianistin, kommt 1941 mit ihrem Ehemann, einem Kinderarzt, über Paris und Lissabon nach New York. Nicht nur die Heimat und geliebte Menschen haben sie hinter sich gelassen, sondern auch die großbürgerliche Existenz: Das Budget reicht nur für ein Zimmer in einem bis unters Dach mit Flüchtlingen belegten Haus. Da Robert einige Hürden für eine Approbation in den USA zu überwinden hat, arbeitet Genia in Haushalten, wie sie selbst früher einen hatte. Schnell macht sie Bekanntschaften – und so erleben wir durch ihre Augen das alltägliche Leben der Flüchtlinge. Aber kann das Leben der Exilanten überhaupt alltäglich sein? Unverschuldete Armut, Entwurzelung, Überanpassung, Demütigung, Verzweiflung, kulturelle Unterschiede, Hoffnung – und unter allem das Grundrauschen des Krieges und der Angst um die Verwandten in Deutschland und dem besetzten Europa. Zeitungen und Radio sind lebenswichtig. Werden sie Fuß fassen in der neuen Welt oder sich immer „zwischen zwei Stühlen“, wie Lili Körber es in einem Gedicht nennt, fühlen? Wird ihre Liebe den Belastungen standhalten? Eine lohnende Neuentdeckung – eine Freundin der Autorin schrieb in einem Nachruf: „… mag ihr Lebenswerk heute … im Dunkeln sein. Es wird auferstehen, wie alles, was gekonnt und echt ist.“
Lili Körber: Abschied von gestern, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 2025, 317 Seiten, 26 Euro

Von Christian Topp
Vordergründig verhandelt Dorothee Elmiger in ihrem Roman „Die Holländerinnen“ einen True-Crime-Fall aus dem Jahr 2014. Damals verschwanden zwei Touristinnen im Dschungel von Panama. Was im ersten Moment nach einem vor allem kriminalistischen Plot klingt, wird bei der diesjährigen Buchpreisträgerin auf literarisch hochspannende Art aufgebrochen. Die autofiktionale Ich-Erzählerin, eine erfolgreiche Schriftstellerin, erzählt im Rahmen einer Poetik-Vorlesung einem mäßig interessierten Publikum die Geschichte einer ungewöhnlichen und erschütternden Spurensuche in der Wildnis. Fast durchgehend arbeitet der Text dabei mit indirekter Rede. Das wirkt im ersten Moment wie eine sehr artifizielle und eher angestrengte Konstruktion, wird aber beim Lesen zur Sensation. Elmigers Sprache erinnert an Thomas Bernhards musikalisch rhythmisierte Satzmelodie, verfällt aber inhaltlich nicht dem Furor und Welthass des Österreichers. Vielmehr untersucht die Autorin, wie man überhaupt von etwas erzählen kann, das man nicht erlebt hat. Die Konstruktion des kurzen Romans führt mitten hinein in das „Herz der Finsternis“ – in den bedrohlich dunklen, immerfeuchten und höchst lebendigen Urwald. Dass die Autorin wie nebenbei auch noch ein gewaltiges Referenz-Netzwerk mit Verweisen auf Kulturgeschichte, Philosophie, Kolonialismus und Populärkultur in ihren Text eingeflochten hat, bietet allen, die gerne Rätsel dechiffrieren, eine weitere, sehr spannende Lektüre-Ebene.
Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen, Hanser Verlag 2025, 160 Seiten, 23 Euro

Von Antje Bohnhorst
Das 2001 in Weimar gegründete Ensemble „The Playfords“ (Björn Werner – Gesang, Annegret Fischer – Blockflöten, Claudia Mende – Barockvioline, Benjamin Dreßler – Viola da gamba, Nora Thiele – Perkussion, Erik Warkenthin – Barockgitarre, Laute, Chitarrone) arrangiert, basierend auf gründlicher Recherche, Alte Musik so, dass sie frisch und tanzbar klingt. Ihr Weihnachts-Album hebt sich wohltuend aus der Masse der Weihnachtsaufnahmen heraus. Das Ensemble hat Weihnachtslieder vom 14. bis zum 18. Jahrhundert aus ganz Europa zusammengestellt. Das Album beginnt ganz besinnlich mit einem zarten Weihnachtsglöckchen und dem entsprechend arrangierten französischen Prozessionsgesang „Veni, veni Emanuel“. Manche alten Bekannten sorgen für akustische Überraschungen, wie das hier tanzbar arrangierte „O Heiland reiß die Himmel auf“ und das besinnliche „Es kommt ein Schiff geladen“. Zumindest in Deutschland mit seiner reichen Weihnachtslieder-Tradition weniger bekannte Lieder aus Spanien, Frankreich und England zeigen, dass die Weihnachtstraditionen im Mittelalter nicht immer so besinnlich und introspektiv waren, wie wir es heute zu kennen glauben. Die gute Neuigkeit der Geburt Jesu wurde fröhlich mit Tänzen und Gesang gefeiert – schön, dass wir dank der „Playfords“ diese besinnliche und freudige Atmosphäre und diesen musikalischen Genuss in unser Wohnzimmer holen können.