Stille Protagonisten der Weltgeschichte

EDITORIAL

Solveig Michelsen, Redakteurin forum

Von Solveig Michelsen

Steine haben keinen allzu guten Ruf. Sie gelten als schwerfällig, unbeweglich und schweigsam. Man stolpert über sie, baut mit ihnen Mauern oder wirft sie sich gegenseitig in den Weg. Und doch wären wir ohne sie ziemlich aufgeschmissen. Unsere Städte, unsere Geschichte, unser Blick ins Universum, ja sogar unsere Musik wären deutlich ärmer.

Diese Ausgabe widmet sich daher den scheinbar unspektakulärsten Protagonisten der Weltgeschichte: den Steinen.

Dabei beginnen wir mit einer kleinen Herausforderung: In unserem steinigen Bilderrätsel geht es um jene Steine, die gar keine sind – jedenfalls nicht im geologischen Sinn. Denn der Stein hat es geschafft, sich tief in unsere Sprache einzunisten und eine erfolgreiche Karriere als Metapher hingelegt.

shutterstock – Maurizio De Mattei
Moai – kolossale Steinskulpturen auf den Osterinseln

Von dort führt uns die Reise erstaunlich weit hinaus. Genauer gesagt in den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Dort kreist Psyche, ein Himmelskörper, der möglicherweise das freigelegte Herz eines gescheiterten Planeten ist. Für Wissenschaftler ein geologischer Schatz, für manche Unternehmer eine kosmische Rohstoffquelle von kaum vorstellbarem Wert.

Ebenso wertvoll: Edelsteine. Seit Jahrtausenden faszinieren Rubine, Saphire, Smaragde und Diamanten die Menschen. Sie sind geologische Wunderwerke, Statussymbole, Glücksbringer und Projektionsflächen menschlicher Sehnsüchte zugleich. Kaum ein anderer Stein besitzt eine vergleichbare Karriere vom Erdinneren bis zur Königskrone.

Doch nicht jeder Stein muss teuer sein, um Spuren zu hinterlassen. Manchmal genügt ein einzelner Fels, um die Erdgeschichte neu zu begreifen. Im Karwendel befindet sich ein geologischer Referenzpunkt von weltweiter Bedeutung. Warum ausgerechnet ein unscheinbarer Fundort in Tirol zum Maßstab für ein Kapitel der Erdgeschichte wurde, erfahren Sie im Beitrag von Dagmar Röhrlich.

Von der Natur führt der Weg zur Kunst. Aus Stein entstanden einige der berühmtesten Werke der Menschheitsgeschichte. Bildhauer haben dem vermeintlich Unbeweglichen Leben eingehaucht, Gesichter, Körper und Gedanken aus Fels herausgelöst. Christian Topps Beitrag über Skulpturen aus Stein zeigt, wie aus Härte Ausdruck wird.

Auch der Blick auf den Ziegel enthält ein Stück Kulturgeschichte. Gebrannter Lehm gehört zu den ältesten Baustoffen der Menschheit und verbindet antike Hochkulturen mit modernen Städten. Heidi Thiele nimmt uns mit in die Ziegelei ihrer Vorfahren und erzählt die bemerkenswerte Geschichte eines Baustoffs.

Selbst die Musik kommt in dieser Ausgabe nicht ohne Steine aus. In unserer Playlist begegnen sie uns als Symbol für Beständigkeit, für Kälte, für Widerstandskraft oder für die Wirkung kleiner Gesten.

Und schließlich betrachten wir den Stein noch in einer uralten symbolischen Bedeutung. Die Sentenz „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ gehört zu den bekanntesten Worten der Bibel und wirft Fragen nach Schuld, Urteil und Barmherzigkeit auf. Steine können also auch für Haltungen stehen.

Vielleicht liegt genau darin das Faszinierende: Steine sind Rohstoff und Kunstwerk, Schmuck und Bauwerk, Fossil und Himmelskörper, Metapher und Mahnung. Sie bewahren die Erinnerung an vergangene Welten und begleiten zugleich große Fragen der Gegenwart. Schmökern Sie sich durch alle Facetten!