„Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“

In einem Interview erzählt der Fußballtrainer Heiko Herrlich, dass er in Konfliktsituationen vor seiner Mannschaft sagt: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Ist das eine paradoxe Intervention oder eher ein Tugendcoaching? Vielleicht beides. Der Satz wirkt zunächst irritierend, greift aber eine biblische Tradition auf und bleibt bis heute erstaunlich gegenwärtig, weil er nicht nur etwas über Schuld sagt, sondern auch über uns Menschen.

von Anna Ammon

Im Johannesevangelium (8,7) wird erzählt, wie Pharisäer eine Frau zu Jesus bringen, die beim Ehebruch ertappt wurde. Sie berufen sich auf das Gesetz und verlangen eine klare Entscheidung. Jesus reagiert jedoch nicht mit starrer Regelbefolgung, sondern verschiebt die Perspektive: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Mit diesem Satz verändert sich die Situation grundlegend. Die Aufmerksamkeit bleibt nicht allein bei der angeklagten Frau stehen, sondern richtet sich auch auf die Ankläger. Die gewohnte Ordnung von richtig und falsch, schuldig und unschuldig verliert in diesem Moment ihre Selbstverständlichkeit. Es entsteht eine Unterbrechung, in der Menschen nicht mehr ausschließlich auf das festgelegt sind, was über sie gesagt wird.

Darin liegt die eigentliche Kraft der Erzählung. Sie löst den Blick von der Fixierung auf das Verhalten der Frau und lenkt ihn zurück auf die Urteilenden selbst. Urteilen geschieht nicht außerhalb des eigenen Lebensvollzugs, sondern ist darin verortet. Wer urteilt, steht immer schon in einer bestimmten Situation, geprägt von Erfahrungen, Erwartungen und Verletzlichkeiten. Die Geschichte macht sichtbar, dass niemand außerhalb der Wirklichkeit steht, in der er sich selbst und andere beurteilt. Damit ist keine moralische Relativierung gemeint. Vielmehr wird eine existenzielle Struktur sichtbar, die sich als Gefährdung beschreiben lässt. Menschen sind anfällig für Neid, Eifersucht, Selbstrechtfertigung, und diese Bewegungen lassen sich nicht einfach aus dem Leben herauslösen. Sie gehören zur inneren Dynamik menschlicher Existenz. Gleichzeitig können sie bearbeitet, reflektiert und gestaltet werden.

Dr. Anna Ammon ist Pfarrerin und arbeitet als Seelsorgerin in den pädagogischen Einrichtungen des Augustinum sowie als Referentin für Personalentwicklung.

Diese Einsicht verweist auf etwas Grundsätzlicheres. Menschen sind sich selbst nie vollständig durchsichtig. Sie reagieren, bevor sie sich erklären können, und urteilen, bevor sie ihre eigenen Voraussetzungen vollständig verstehen. Selbstreflexion bedeutet daher nicht Selbstkontrolle, sondern ein nachträgliches Verstehen dessen, was bereits in Bewegung ist.

Gerade deshalb wirkt die Erzählung bis heute so aktuell. Sie zeichnet kein moralisches Idealbild, entzieht sich aber auch der vorschnellen Verurteilung. Weder die Frau noch die Ankläger werden auf eine einzige Rolle reduziert. Alle Beteiligten erscheinen als Menschen, deren Leben sich nicht in einem einzelnen Moment erschöpft. Im Alltag zeigt sich etwas Vergleichbares in vielen kleinen Situationen. Menschen bilden schnell Urteile, reagieren aufeinander und ordnen Verhalten ein. Gleichzeitig wissen sie um die Fragilität solcher Einordnungen und darum, dass Stimmungen, Beziehungen und eigene Erfahrungen das Wahrnehmen mitprägen.

Genau darin wird auch eine soziale Dimension dieser Erfahrung sichtbar. Wie wir andere wahrnehmen, beeinflusst nicht nur unser Urteil über sie, sondern auch die Formen des Zusammenlebens selbst. Zwischenmenschliche Beziehungen leben davon, dass Menschen nicht auf ein festes Bild reduziert und fixiert werden. Wo Festlegungen zu schnell entstehen, verengen sich Begegnungen. Wo sie offen bleiben, ergibt sich dagegen ein Spielraum, in dem sich Verhalten verändern und neu verstehen lässt, ohne dass es sofort abschließend bewertet wird.

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Von hier aus lässt sich auch der Begriff der Sünde neu verstehen. Dann bezeichnet sie nicht in erster Linie einzelne moralische Verfehlungen, sondern eine Grundspannung menschlicher Existenz. Menschen sind sich selbst nicht vollständig verfügbar, handeln aus Voraussetzungen, die sie nicht selbst gewählt haben, und bleiben zugleich verantwortlich für ihr Handeln. Sie sind frei und gebunden, wissend und zugleich begrenzt in ihrem Wissen über sich selbst. Diese Ambivalenz ist kein Mangel, sondern eine Beschreibung menschlicher Wirklichkeit. Ohne sie verliert das Leben an Tiefe. Wer sie ernst nimmt, erkennt, dass menschliches Leben nicht in Eindeutigkeit aufgeht, sondern in Spannungen verläuft, die sich nicht endgültig auflösen lassen.

Vor diesem Hintergrund verändert sich auch der Begriff der Verantwortung. Er besteht nicht nur im Fällen von Urteilen oder im Anwenden von Regeln. Verantwortung bedeutet ebenso, mit dieser Unabgeschlossenheit umzugehen und Räume offen zu halten, in denen Menschen sich verändern können. Leben ist nicht abgeschlossen, es bleibt in Bewegung. Die Worte Jesu verweisen deshalb weniger auf eine moralische Forderung als vielmehr auf eine Verschiebung der Perspektive. Sie erinnern daran, dass Menschen einander nicht vollständig erfassen können, weder in ihrem Handeln noch in ihrem Selbstverständnis. Jeder ist bleibend mehr als das, was über ihn gesagt wird, und auch mehr als das, was er selbst von sich versteht.

Vielleicht liegt darin die befreiende Dimension dieser Erzählung. Sie eröffnet einen Raum jenseits von Festlegung und Selbstgewissheit, einen Raum, in dem Menschen sich selbst und anderen sowie schließlich dem Leben neu begegnen können.