Einigkeit und Recht und Freiheit
Kolumne von Christian Topp
Vermutlich haben Sie es gar nicht mitbekommen: Im März dieses Jahres wurde in Nordkorea gewählt. Nach offiziellen Angaben sollen 99,99 Prozent aller Einwohner*innen ab 17 Jahren ihre Stimme abgegeben haben. 99,93 Prozent davon haben die aufgestellten Kandidaten und Kandidatinnen zur Obersten Volksversammlung bestätigt. Nach diesem Ergebnis war die Wiederwahl von Kim Jong Un zum Präsidenten durch die „Volksvertreter“ eine reine Formsache. Sie spiegele „den einstimmigen Willen und Wunsch des gesamten koreanischen Volkes“ wider, ließ die nordkoreanische staatliche Nachrichtenagentur KCNA im Anschluss verlauten.
Fast 100 Prozent Zustimmung! Für jeden normalen Menschen ein absurdes Ergebnis. Aber Diktatoren lieben solche Werte. 1000 Prozent wären noch besser. Bisher zumindest hat sich aber noch keiner von ihnen getraut, die Gesetze der Mathematik vollständig auszuhebeln. Einstimmigkeit, das hat die Geschichte immer wieder bewiesen, gibt es nicht. Und wenn sie erzwungen wird, dann führt sie über kurz oder lang zur Katastrophe.
Andere Meinungen auszuhalten, muss man lernen. Manchmal scheint es, dass wir diese Fähigkeit immer weiter ver-lernen. Diskussionen werden geführt, um Recht zu haben, nicht um mit anderen im Gespräch zu bleiben. Vermeintliche Fakten werden als Totschlag-Argumente eingesetzt. Wer versucht sachlich aufzuklären, wird beleidigt und/oder als Idiot*in dargestellt. Vor allem in den Echokammern der sogenannten sozialen Medien werden die Lautstarken belohnt. Die Stillen und Nachdenklichen finden kaum statt – oder weichen aus auf Themen, die nicht kontrovers sind: Katzenvideos zum Beispiel gehen immer.
Dabei sind die Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Pluralismus wird vom deutschen Grundgesetz ausdrücklich gefördert: Einigkeit und Recht und Freiheit, wie es die Nationalhymne ein wenig verkürzt formuliert. Und doch: Wenn man es genau nimmt, dann widersprechen sich die Werte, die in der Hymne so feierlich als erstrebenswerte Ziele formuliert werden, erheblich. Einigkeit kann ja nur bedeuten, gemeinsam und unbeirrt in die richtige Richtung zu gehen. Aber was ist die richtige Richtung? Und wer gibt diese Richtung vor? Persönliche Freiheit wiederum kann schnell im Widerspruch zu Recht und Einigkeit stehen. Wirklich frei ist man ja nur, wenn die eigene von der Mehrheitsmeinung abweichen darf und keine rechtlichen Konsequenzen drohen, solange man anderen nicht schadet.
Einigkeit und Recht und Freiheit – diesen Widerspruch muss aushalten können, wer in einer Gesellschaft leben will, die sich den notwendigen Veränderungen der Gegenwart stellt, ohne dabei die Armen, Schwachen und besonders Schutzbedürftigen zu vergessen. Vielstimmigkeit ist auf diesem Weg eine wesentliche Voraussetzung. Sie verhindert, dass einzelne Interessen ein zu starkes Gewicht bekommen, dass zu große Dissonanzen entstehen. Jeder Chorknabe, jede Chorsängerin kann ein Lied davon singen: verschiedene Tonlagen, eine Vielfalt von Stimmen, unterschiedliche Charaktere. Gemeinsam formen sie sich zu einem größeren Ganzen, das erst im Zusammenspiel seine ganz eigene Schönheit entfalten kann.


