Gebrannter Lehm

Eine Zeitreise mit Heidi Thiele

Etwa 30 Kilometer vor den Toren Münchens besaß mein Urgroßvater, der „Glasl-Bauer“, außer seinem landwirtschaftlichen Betrieb auch eine Ziegelei. Er war mit beträchtlichem Nachwuchs gesegnet – sechs Mädchen und neun Söhnen. Als das Erbe verteilt wurde, fiel die Ziegelei meinem Großvater zu.

Da die kleine Fabrik sehr abgelegen war, verlegte er die Produktion in einen verkehrstechnisch besser erreichbaren Ort, mit Gleisanschluss an eine Bahnlinie. 1927 wurde diese Ziegelei fertiggestellt: eine Lehmhalle, ein Aufbereitungsort für den Lehm, ein Pressenhaus mit einer Strangpresse (die den Ton verdichtet und formgebend presst), Trockenkammern, einem Ringofen (zentral um einen Schornstein geführte Brennkammern) und einer Verladestation. Übrigens sind auch ein Sägewerk, eine Schlosserei und ein paar Unterkünfte für Arbeiter entstanden. Und für die Familie wurde eine Villa gebaut, umgeben von einem Zaubergarten. Opa hatte ganze Arbeit geleistet.

Wie lief so eine Mauerziegel-Herstellung damals ab?

Der Lehm wurde direkt vor Ort abgebaut, in der Lehmhalle zunächst gelagert und später mit Kipploren ins Fabrikgebäude gebracht. Dort wurde er in einem Mischer aufbereitet und erdfeucht gemacht, damit er die richtige Konsistenz für die Weiterverarbeitung hatte. Um die Wärmedämmung zu erhöhen, ging man irgendwann dazu über, dem Lehm Sägemehl beizufügen (heute auch Kunststoffkügelchen oder Papier). Bei hohen Temperaturen brennen diese Stoffe aus und hinterlassen winzige Poren im Ziegelinneren. Diese eingeschlossene Luft ist optimal für die Dämmung.

Danach wurde der Lehm durch die Strangpresse gepresst und geschnitten, was ihm die Form des Ziegels gab. Aufgeschichtet auf hohe Schiebebühnen wurden die Rohlinge in große Trockenkammern eingefahren, wo sie etwa drei Tage bei mäßiger Temperatur trockneten. Anschließend holte man die Steine aus den Trockenkammern, und sie wurden – wie es bis in die 1960er Jahre üblich war – in die Kammern eines Ringofens gesetzt und bei 900-950 Grad gebrannt. Das Feuer wanderte dabei von Kammer zu Kammer und wurde im Drei-Schicht-Betrieb von Arbeitern, den „Brennern”, beheizt und überwacht. Dies geschah aus der darüber liegenden Etage über dem Brennofen.

Die fertigen Ziegel wurden mit Staplern aus dem Ofen geholt und mittels Kran zum Abtransport auf Lkws verladen. In den boomenden 1960er Jahren musste man schon darauf achten, dass sie auch auf den richtigen Lkw verladen wurden. Es kam durchaus vor, dass der Kranführer bestochen wurde und die Ziegel dann auf einer falschen Baustelle landeten …

Übernahme durch meinen Vater

1955 verstarb Opa, und Vater übernahm die Fabrik. In den 1960er Jahren konnte die Produktion kaum mit der Nachfrage Schritt halten. Es ging nicht zimperlich zu in so einer Ziegelei. Das tägliche Geschrei der Lkw-Fahrer drang vom Verladeplatz bis hinein ins Bürogebäude. Jeder wollte bei der Zuteilung der Ware bevorzugt werden.

Ich war mit 16 Jahren gerade aus dem Internat zurückgekommen, die Mittlere Reife in der Tasche, und wurde von meinem Vater sofort ins Büro gesteckt. Damals fragte keiner nach den eigenen Wünschen, man hatte mit anzupacken. So habe ich, zusammen mit einer, zeitweilig auch zwei Schwestern, insgesamt 13 Jahre im Betrieb des Vaters verbracht.

Ende 2025 ist Heidi Thiele mit ihrem Mann ins Augustinum München-Nord gezogen. Für diese Zeitreise hat sie tief in den Schätzen ihrer Vergangenheit gekramt.

Anfang der 1970er Jahre entschloss sich mein Vater, einen modernen Tunnelofen zu bauen, bei dem die Ziegel durch drei Zonen gefahren werden: Vorfeuerzone, Brennzone und Auskühlzone. Ein solcher Tunnelofen ist mindestens 100 Meter lang (der längste in Österreich sogar 230 Meter), was eine enorme Investition bedeutete.

Die Veränderung, dass er früher bis zu 45 Personen beschäftigte und nun mit 15 Leuten einen höheren Produktionsausstoß hatte, sorgte nur für kurze Freuden, denn im Herbst 1973 wurde der Jom-Kippur-Krieg ausgelöst. Öl-Lieferembargos gegen den Westen wurden verhängt. Autofreie Sonntage waren ein Nichts gegen die Sorgen der Unternehmer, die plötzlich den vierfachen Preis für ihre Ölein­käufe bezahlten. Für viele bedeutete es das Ende. Mein Vater kämpfte sich mühsam durch die darauffolgende Zeit. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, ereilte den Westen 1979 ein weiterer Ölschock, ausgelöst durch die islamische Revolution und den Sturz des iranischen Schah-Regimes. Sie führte im Westen zu erneuten wirtschaftlichen Problemen.

Zermürbt von Jahren des Kampfes und gesundheitlichen Schwächen entschloss sich mein Vater, Rat bei einer Person zu holen, die seiner Überzeugung nach die Gabe besaß, in die Zukunft zu blicken und vorgab, die Sterne deuten zu können. Ein einziges Mal im Leben bestieg er ein Flugzeug und flog nach Berlin. „Ein Konkurrent wird Ihnen helfen“, erfuhr er. Ein solcher Konkurrent konnte tatsächlich gefunden werden, und kurze Zeit später war die Fabrik an einen größeren Nachbarbetrieb verpachtet. Jahre danach (auch dort war, wie bei uns, die Nachfolge nicht geregelt) verpachtete auch dieser seinen Betrieb. Um das Jahr 2000 herum lief für beide der Vertrag aus.

Die Ziegelei wird ausgeweidet

Eines Tages kam ein Münchner Geschäftsmann auf die Idee, die Maschinen der Ziegelei zu entnehmen, um damit in Dagestan im Nordkaukasus einen Betrieb aufzubauen. Da die Ziegelei keine Zukunft mehr hatte, gab es wenig andere Optionen. Eine Crew Dagestaner wurde eingeflogen, die in ein paar Monaten das Unglaubliche vollbrachte. Als schließlich Lastwagen, beladen mit riesiger Fracht, aus dem Firmengelände fuhren, zog mein Vater, im Arbeitszimmer des Wohnhauses sitzend, die Vorhänge zu, um nicht mitzuerleben, wie die Fahrzeuge in der Ferne entschwanden. Zurück blieben ausgeweidete Gebäudekörper und ein gebrochener Mann.

Sein Vermächtnis: Er hatte die ersten, heute üblichen Großblockziegel und deren Rationalisierung der Vermauerung auf den Weg gebracht sowie unermüdlich die Notwendigkeit gesunden Bauens ins Bewusstsein von Verbänden, Behörden, Architekten und Bauherren getragen.

Und das Fabrikgelände? Es wurde verkauft. Heute beherbergt es eine erfolgreiche Firma einer ganz anderen Produktionssparte.

In den 1950er Jahren entdeckten Archäologen in Jericho Lehmsteine, die zeitlich ins 10. Jahrhundert vor Christus datiert werden können – der älteste bekannte Fund seiner Art. Lehmsteine wurden von Hand geformt und eigneten sich nur für warme Klimazonen mit geringen Niederschlägen, da sie leicht aufweichten. Ab 7500 v. Chr. waren in Kleinasien schon weitaus haltbare luftgetrocknete Lehmziegel zum Bauen üblich.

Ab 4000 v. Chr. verbaute man in Mesopotamien und Kreta bereits gebrannte Ziegel. In die Zeit des Königs Nebukadnezar II. (ca. 640–562 v. Chr.) fiel der Bau des Ischta-Tors. Auch die historische Stufenpyramide namens Etemenanki, bekannt als Turm zu Babel, wurde mit gebrannten Ziegeln erbaut. Die Terrassen der Hängenden Gärten von Semiramis, der Frau Nebukadnezars, sollen mit Ziegeln verfestigt worden sein.

Rund 100 v. Chr. erwachte das Interesse der Römer an dem Baustein. Zunächst wurden nur einige Monumentalbauten damit errichtet. Im Laufe des 1. Jh. n. Chr. erreichte das Bauen mit Ziegel seine volle Blüte. Überall entstanden Ziegeleien, die unter der Überwachung des Militärs standen. Man nannte sie deshalb Legionsziegeleien. Die Römer trugen das Wissen um den Ziegelbau ins gesamte Römische Reich.

In Deutschland ging das Wissen um die Herstellung und die Verwendung des Ziegels nach Untergang des Römischen Reichs verloren, wurde jedoch im 9. Jahrhundert in Klöstern wiederbelebt. Die Backsteingotik (spätes 12.-15. Jh.) bediente sich wieder des vernachlässigten Baumaterials, z.B. bei der St.-Marien-Kirche in Stralsund, der Martinskirche in Landshut und dem Holstentor in Lübeck.

Auch weit jenseits unserer Grenzen, im entfernten China, dem „Reich der Mitte“, wurden schon früh gebrannte Mauersteine geschätzt. Während der Ming-Dynastie (14.-17. Jh.) wurden beim Bau der Chinesischen Mauer in hunderten von Brennöfen direkt neben den Baustellen Ziegel gebrannt, um den Bau zu beschleunigen. Als „Mörtel” diente übrigens gekochter Klebereis, vermischt mit Kalkzement, was für außerordentliche Stabilität und Witterungsbeständigkeit des Mauerwerks sorgte.

In Deutschland wurden im 19. Jahrhundert Ringofen und Strangpresse entwickelt, was eine industrielle Fertigung ermöglichte: Im Ringofen wandert das Brennfeuer, und die Restwärme wird zum Vorbrennen genutzt; die Strangpresse erzeugt eine verpresste Tonmasse mit exakten Maßen, die sich akkurat abschneiden lässt. Davor brannte man Ziegel in Meilern.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Ringofen durch den Tunnelofen abgelöst, bei dem Ziegel auf Wagen durch drei Temperaturzonen gefahren werden.