Die Verwirrung der Sprache und das Wunder der Verständigung

Verständigungsschwierigkeiten, wie sie heute im wörtlichen und übertragenen Sinn so oft beklagt werden, gab es auch schon in der Anfangszeit der Menschheit. Die Bibel erzählt gleich in zwei Geschichten von der Sprachverwirrung und dem Sprachenwunder – die mittelalterliche Buchmalerei hat diese meisterlich illustriert.

von Bettina Schumann-Jung

Das Blatt misst gerade mal 41 x 28 cm, und doch entfaltet sich darin eine ganze Welt, ein Blick in die Anfänge der Menschheit, als die Erde noch eine Sprache hatte und ein und dieselben Worte, wie es in der Genesis heißt. Dargestellt ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel, trotz ihres geringen Umfangs eine der bekanntesten Erzählungen aus dem Alten Testament. Die Genesis berichtet von einem Volk aus dem Osten, das sich in einer Ebene im Land Schinar ansiedelte: Dann sagten sie:

Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen (Gen 11, 1 – 4).

Der Turmbau zu Babel ist nicht nur eine anschauliche Parabel für menschlichen Hochmut und das Streben danach Gott gleichzukommen, sie ist auch eine wunderbare Vorlage für die Künstler des Mittelalters und der frühen Neuzeit geworden. Sie hat daran vor allem das Bauhandwerk interessiert. Neben der vielleicht berühmtesten Darstellung von Pieter Breughel d. Ä. sind es besonders die Buchmaler gewesen, die anschaulich vor Augen führen, wie eine solche Großbaustelle im beginnenden 16. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Auch der Meister des Bedford-Stundenbuchs zeigt detailgetreu, wie Steine ausgemessen, behauen und mittels Seilwinden und Hebewerken in die oberen Stockwerke des Turmes gezogen werden. Doch so beeindruckend die Kunstfertigkeit der Baumeister auf den ersten Blick auch erscheint – beim Blick auf die Spitze des Turms erkennt man, dass hier auf einmal gar nichts mehr seinen geordneten Gang nimmt: Steine fallen herab, und sogar ein Arbeiter stürzt nach unten, andere sind in Streit geraten. Das alles verweist bereits auf das unrühmliche Ende dieses Versuchs der Menschen, es Gott gleich zu tun und mit den eigenen Fertigkeiten den Himmel zu berühren. Wie schon in früheren Verfehlungsgeschichten der Genesis, der Vertreibung aus dem Paradies, dem Brudermord von Kain an Abel und der Sintflut, bleibt auch in der Geschichte des Turmbaus zu Babel die Konsequenz nicht aus:

Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. (Gen 11, 6 – 9)

Stundenbücher waren persönliche Gebetbücher für den reichen und lesekundigen Adel, eine bildgewordene Andacht, die die biblischen Texte nicht nur erzählte, sondern auch mit feinen Miniaturen in aufwendig gestalteten Initialen oder ganzseitigen Abbildungen illustrierte. Eine der kostbarsten dieser mittelalterlichen Handschriften ist das sogenannte Bedford-Stundenbuch, das heute in der British Library aufbewahrt wird. Das zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstandene Werk erhielt seinen Titel nach dem englischen Herzog von Bedford, der es seiner Frau Anna von Burgund als Hochzeitsgabe geschenkt haben soll. Es umfasst 587 Seiten mit insgesamt mehr als 1.250 farbenprächtigen Miniaturen, die die Geschichten des Alten und des Neuen Testaments in üppige Pflanzenornamentik oder Architekturen einbetten. Dabei wechseln heimische mit fremdländischen Szenerien, wie beim Turmbau zu Babel, den der Bedford-Meister, der biblischen Erzählung folgend, in eine orientalische Umgebung versetzt.

Ganz anders das Pfingstgeschehen, das sich in einer gotischen Kathedrale abspielt, die von einer üppigen Bildwelt aus biblischen Szenen und Pflanzen umrahmt wird. Beide Geschichten haben, so unterschiedlich sie im Stundenbuch auch erscheinen, einen gemeinsamen Bezug. Denn aus der in der Genesis erzählten Sprachverwirrung in Babel folgt in der Apostelgeschichte das Sprachwunder von Jerusalem. Lukas erzählt es so:

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle [Jünger] zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." (Apostelgeschichte 2, 1-4)

© The Britsh Library Board

Manche Maler haben die Worte von Lukas ganz wörtlich genommen und zeigen zungenförmige Flammen, die eine Verbindung zwischen den feurigen Strahlen am Himmel und den Köpfen der Apostel erzeugen. Andere wie der Bedford-Meister verbildlichen die göttliche Präsenz durch die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, wie sie schon im Lukas-Evangelium bei der Taufe Jesu beschrieben wird. Die Wirkung auf die Anhänger Jesu, die sich um Maria gruppieren, aber ist immer überwältigend. Ergriffen drängen sie sich in der Darstellung des Stundenbuchs aneinander, einige wenden das Gesicht erschrocken ab. Es ist der Beginn des Wunders der Verständigung, denn auf einmal – so berichtet Lukas weiter – hörte jeder der herbeigeeilten Menschenmenge, Juden aus allen möglichen Landesteilen, viele aus der Diaspora, darunter Ägypter, Römer, Kreter oder Araber, die Jünger in seiner Muttersprache reden. Durch den Heiligen Geist finden sie zu einer gemeinsamen Botschaft, die sie fortan in ihren Predigten, Briefen und den Texten des Neuen Testaments verkünden. Die Erzählung vom Pfingstereignis wird so zur Anti-Geschichte des Turmbaus zu Babel, zu einem Wunder Grenzen überschreitenden Verstehens und zum Beginn der christlichen Kirche.