Illustration: Mann mit rotem Pullover mit Herzmotiv in einer anonymen Menschenmenge
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„Es wäre wichtig, für seinen Glauben einzustehen“

Mit seinem 2023 im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen Essay „Unter Heiden“ erzielte Tobias Haberl eine unerwartet große und positive Resonanz. Sein Bekenntnis zum christlichen Glauben und zur Kirche vertiefte er in dem darauffolgenden gleichnamigen Buch, mit dem er auch in einigen Augustinum Seniorenresidenzen zu Gast war. Für das forum fragte ihn Autorin Heike Faller danach, was das 21. Jahrhundert von gläubigen Menschen lernen kann, nach der Spannung zwischen Zweifel und Vertrauen und wie man das eigene Leben kirritieren kann.

„Vielstimmig“: Was bedeutet das Wort für Sie persönlich?

Ich denke an vielstimmigen Gesang. Mehrere unterschiedliche Stimmen ergeben gemeinsam etwas Neues und Größeres, das ein Mensch allein nicht hervorbringen könnte. Selbstverständlich ist dieses Beispiel eine Metapher dafür, was Gesellschaft im besten Fall ist: Zusammenhalt, Verschiedenheit, Toleranz, Gemeinschaft.

 

In Ihrem Essay „Unter Heiden“ im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ und dem daraufhin erschienenen Buch schildern Sie, dass Sie sich mit Ihrem Bekenntnis zum Glauben in Ihrer Umgebung ziemlich isoliert fühlen. Führt die Wahrnehmung, dass man es mit einer Meinung gegen den Strom nicht leicht hat, generell dazu, dass Menschen ihre Meinung nicht mehr äußern aus Sorge, abgelehnt zu werden?

Man hört gerade oft, dass man in unserem Land seine Meinung nicht mehr äußern darf. Das stimmt nicht. Jeder darf seine Meinung äußern, man wird nicht, wie in anderen Ländern, ins Gefängnis gesperrt. Aber: Es gehört manchmal Mut dazu, weil man natürlich Gegenwind kriegt, ausgelacht, schief angeschaut oder diskriminiert wird. Das war aber immer so. Und ja, ich glaube, Sie haben recht: Vielen Menschen fehlt dieser Mut, deshalb schweigen sie oder ziehen sich zurück, manche radikalisieren sich.

 

Ist aus diesem Grund auch die Stimme von Menschen, die glauben, im öffentlichen Raum verloren gegangen?

Ja, das beobachte ich. Viele Christen haben entweder gar nicht das Bedürfnis, sich als Christen zu erkennen zu geben, andere trauen sich nicht, glauben im Verborgenen oder verschweigen ihren Glauben aus Angst vor schiefen Blicken oder dummen Kommentaren. Dabei wäre es wichtig, für seinen Glauben, für Jesus Christus einzustehen. Und auch in unseren gesellschaftspolitischen Debatten fehlt mir oft eine christliche oder theologische Perspektive, vielleicht nicht, wenn es um Staatsfinanzen geht, aber bei sozial-, familien- oder biopolitischen Themen, die den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens betreffen. Christen sollten sich mutiger zu Wort melden, und Medien sollten offener für christliche Perspektiven sein.

Porträtfot des Autoren Tobias Haberl mit Walsbäumen im Hintergrund

Tobias Haberl, geboren 1975 im Bayerischen Wald, hat Literaturwissenschaften in Würzburg und Großbritannien studiert. Er arbeitet seit 2005 für das Süddeutsche Zeitung Magazin und hat mehrere Bücher veröffentlicht, u.a. Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen (2019) und zuletzt den Spiegel-Bestseller Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe (2024). Er lebt in München. Foto: Matthias Ziegler

Heike Faller ist Autorin beim ZEITmagazin und Trägerin des Henri-Nannen-Preises. Mit dem Augustinum hat sie viel tun, weil das Augustinum Hautsponsor des Reporter*innen-Preises ist, in dessen Vorstand sie ist.

Wie wird Ihnen begegnet, wenn Sie sagen, Sie glauben – nicht nur an eine höhere Energie, wie das auch eine Yogalehrerin sagen könnte, sondern an Gott und Jesus, Gottes Sohn?

IManche sind fasziniert, andere irritiert. Manche beneiden mich, andere halten mich für naiv oder weltfremd. Wissen Sie, glauben bedeutet eben, dass man das ganz und gar Unglaubliche glaubt, nämlich dass vor 2.000 Jahren ein Gott Mensch geworden ist, der am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden ist. Ist es leicht das zu glauben? Natürlich nicht. Aber ich habe irgendwann beschlossen es zu glauben, also ins Vertrauen zu gehen, und ich mache gute Erfahrungen damit.

 

Welche innere Stimme ist beim Glauben lauter: die des Vertrauens oder die des Zweifels? Und was passiert, wenn beide gleichzeitig sprechen?

Ich zweifle immer wieder, an der Existenz Gottes, an der Lauterkeit der Kirche. Aber der Glaube ist stärker. Das Vertrauen darauf, dass es Gott gibt, dass er mich erkennt und bedingungslos liebt. Dass er sein Versprechen hält und mich wachsen lässt und eines hoffentlich fernen Tages zu sich holt, damit ich ihn von Angesicht zu Angesicht schauen kann. Auch das Vertrauen darauf, dass er den Weg und die Tradition der Kirche durch die Zeit liebevoll begleitet, dass manches, was sich mir nicht sofort erschließt oder sogar stört, einen Sinn hat, den ich nur nicht oder noch nicht verstehe.

 

In „Unter Heiden“ und in Ihren Auftritten geht es stark um Schönheit und Trost. Was ist für Sie die konkreteste Erfahrung von Trost?

Die Eucharistie. Die unmittelbare Begegnung mit Jesus Christus. Daneben gibt es viele andere: Gebete, Begegnungen mit Menschen, Literatur, Musik von Bach, ein Reh oder ein Eichhörnchen, das unverhofft auftaucht und das ich eine Weile beobachte.

 

Viele reduzieren Kirche auf Missbrauch und Vertuschung. Wie halten Sie die Spannung aus zwischen klarer moralischer Empörung und dem Festhalten am Glauben?

Ich empfinde die Spannung gar nicht als so stark. Natürlich empört mich der Missbrauchsskandal, er macht mich traurig und fassungslos. Natürlich hat die Kirche zu allen Zeiten Fehler gemacht und Sünden begangen. Aber ich muss aufpassen, denn was ist denn die Kirche? Doch nicht ein paar ältere Männer in Soutanen in Rom, sondern alle Getauften weltweit, 1,5 Milliarden Katholiken und an die 800 Millionen Protestanten, eine unfassbare Zahl, eine riesige Gemeinschaft von Menschen, die beschlossen haben, Jesus nachzufolgen. Mein Glaube an Gott, meine Freundschaft zu Jesus Christus wird von dem Missbrauchsskandal nicht berührt. Gleichzeitig muss die Kirche alles dafür tun, um Missbrauch so gut wie möglich zu verhindern. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Missbrauch ein gesellschaftliches Phänomen ist. Am häufigsten findet er innerhalb der Familie statt.

Illustration betende Hände
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Was sagen Sie Menschen, die Ihnen entgegenhalten: „Ich kann an Gott nicht glauben, weil ich die Kirche nicht ertrage“?

Ich sage ihnen, dass sie sich stärker mit der Kirche und ihrer Geschichte auseinandersetzen sollen, um sie besser zu verstehen. Das heißt nicht, dass die Institution Kirche alles richtig macht, aber vieles, was auf den ersten Blick unzeitgemäß erscheint, halte ich für kostbar. Ich glaube, dass man außerhalb der Kirche ein guter Christ sein und eine innige Beziehung zu Christus haben kann, aber ich möchte innerhalb der Kirche bleiben. Wer sich zu weit von ihr entfernt, gerät in Gefahr, irgendwann nur noch die Dinge zu tun und zu glauben, die einem leichtfallen, alles andere, Pflichten, Auflagen, unbequeme Dinge geraten in Vergessenheit. Es darf aber nicht in erster Linie um Selbstverwirklichung gehen, sondern darum, christlich zu leben und zu handeln.

 

Sie drehen die Frage um: Was kann das 21. Jahrhundert von gläubigen Menschen lernen?

Ja. Ich finde die Frage mindestens genauso relevant wie die, wie sich die Kirche verändern muss, um ins 21. Jahrhundert zu passen. Denn in unserer Gesellschaft ist ja beileibe nicht alles zum Besten bestellt, und ja, ich glaube, dass der moderne säkulare Mensch viel von gläubigen Menschen lernen kann. Zum Beispiel wie man zu sich selbst kommt, indem man von sich weggeht. Umgekehrt glaube ich, dass sich die Kirche gar nicht so radikal wandeln muss, dass sie den riesigen Schatz, über den sie verfügt, nämlich das Evangelium und die unzerstörbare Hoffnung auf Erlösung, nur besser erklären muss.

 

Welche Stimmen fehlen noch, in unserem vermeintlich vielfältigen Diskurs? Auch die der Älteren, die ja unsere Leserschaft sind?

Ach, es fehlen viele Stimmen. Oder sagen wir: Sie sind unterrepräsentiert, weil es ja immer so ist, dass es einige wenige Laute und Mächtige gibt und dann ganz viele Menschen, die eher nicht gehört werden oder ihre Stimme gar nicht erheben. Es fehlen die ganz Alten und die ganz Jungen, es fehlen oft behinderte Menschen, es fehlen mutige, unangepasste, widerborstige Menschen. Solche Menschen werden oft ausgegrenzt, dabei könnte es hilfreich sein, ihre Perspektiven zu hören.

 

In welchen Bereichen würden Sie sich noch mehr Pluralität wünschen, auch gegen populäre Ansichten?

Ganz ehrlich: In allen. Ich höre permanent, wie von Pluralität und Diversität geschwärmt wird, kenne aber nur ganz wenige Menschen, die tatsächlich den Mut und die Offenheit dazu mitbringen. Die meisten suchen ihresgleichen, bleiben unter sich, meiden irritierende, unbequeme, ungewohnte Zusammenhänge.

 

Wie könnte ein tatsächlicher Austausch auch auf diesen Gebieten gelingen? Wie kann man den verschiedenen, auch nicht offen geäußerten Meinungen Gehör verschaffen?

Wenn ich das wüsste. Menschen sind oft bequem, manchmal ängstlich, immer wieder auch gespalten: Theoretisch wüssten sie schon, was zu tun ist, im Alltag aber bleiben sie hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Ich glaube, dass es immer wieder mutige und aufrichtige Menschen sind, die andere Menschen mitreißen können. Die Masse ist oft träge, aber wenn charismatische Menschen sie begeistern, ist vieles möglich.

 

Wie kann man das eigene Leben „irritieren“, wie Sie es in einem Interview genannt haben und dadurch der Vielfältigkeit eine Chance geben?

Indem man den Mut aufbringt, an Orte und in Zusammenhänge zu gehen, wo man nicht nur bestätigt wird, sondern wo man wirklich mit Menschen, Gewohnheiten und Ansichten konfrontiert wird, die einem erstmal fremd sind. Urlaub nicht in Italien, sondern in Äthiopien. Ein Bier nicht in der Lieblingskneipe, sondern in dem Viertel, in dem man noch nie war. Und ganz wichtig: Verschiedene Zeitungen lesen, auch solche, die politisch anders ticken als man selbst.