Ein Klangraum, in dem jede Stimme zählt

Fast 8.000 Bewohnerinnen und Bewohner leben in den Augustinum Seniorenresidenzen, mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort beschäftigt – eine Gemeinschaft aus unterschiedlichen Lebensgeschichten, Perspektiven und Persönlichkeiten. Die vielen Stimmen, die da zusammenkommen, äußern sich jeden Tag auf ganz unterschiedliche Weise: in beiläufigen Begegnungen und regelmäßigen Gesprächskreisen, in den Nationalitäten von Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen und natürlich in der Vertretung der Bewohnerschaft im Sprecherrat.

 

Vier Damen des Sprecherrates der Augustinum Seniorenresidenzen
Der Sprecherrat des Augustinum: Dr. Doris Tittel (Braunschweig), Jutta Mundt (Bad Neuenahr), Bärbel Reindl (Bonn, Vorsitzende des Sprecherrats) und Gisela Klaus (München-Neufriedenheim).

Viele Stimmen vertreten

Was bedeutet VIELSTIMMIG in einer Gemeinschaft, in der mehrere hundert Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten in einer Seniorenresidenz leben? Für Bärbel Reindl, Vorsitzende des Sprecherrats der Augustinum Seniorenresidenzen, ist das Kulturjahresmotto weit mehr als ein schönes Wort. Im Interview spricht sie über gelebte Vielfalt im Haus, über den wertschätzenden Austausch im Sprecherrat – und darüber, warum Fröhlichkeit, Vertrauen und Offenheit entscheidend sind, damit aus vielen Stimmen ein Miteinander wird.

Frau Reindl, wenn Sie das Kulturjahresmotto VIELSTIMMIG hören – was bedeutet dieser Begriff ganz persönlich für Sie?

Ich denke an Musik, an ein Konzert – keiner übertönt den anderen, an ein Nebeneinander von Laut und Leise. Und ich denke an unser tolles Kulturangebot hier im Augustinum Bonn. Und an die 400 Personen, die in unserer Seniorenresidenz leben – an all die unterschiedlichen Lebenswege und Erfahrungen. So gibt es bei uns im Haus die „Klönecke“: Ein offenes Programm, zu dem immer wieder neue Menschen kommen und aus ihrem Leben erzählen, was absolut faszinierend ist.

Im Sprecherrat vertreten Sie in einem Gremium aus derzeit vier Bewohnerinnen aus unterschiedlichen Seniorenresidenzen die Bewohnerschaft aller Augustinum Seniorenresidenzen in ganz Deutschland. Welche unterschiedlichen Persönlichkeiten, Hintergründe oder Lebenserfahrungen kommen hier zusammen?

Das Besondere am Sprecherrat ist tatsächlich unsere Verschiedenartigkeit, wir kommen aus unterschiedlichen Bereichen. So war Jutta Mundt lange Jahre Leiterin des Bewohnerservice im Augustinum Bad Neuenahr. Doris Tittel aus Braunschweig ist promovierte Biologin und heute sehr engagiert in der Hospizarbeit. Gisela Klaus aus München-Neufriedenheim war früher Schulrätin und zuständig für den Bereich Inklusion und Ganztagesbetreuung an allgemeinbildenden Schulen. Ich selbst war lange Jahre politisch aktiv und habe eine soziale Stiftung geleitet. Darüber hinaus bin ich auch heute noch im sozialen Bereich sehr engagiert, da ich einen mehrfach behinderten Enkel habe. Dadurch bin ich auch näher dran an einem Thema wie Demenz und kann hier gut vermitteln. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit im Sprecherrat ist der zwischenmenschliche Bereich. Wir stellen uns die Frage: Sind die Menschen in unseren Einrichtungen zufrieden?

Wie erfahren Sie, was die Bewohnerschaft bewegt?

Wir sind in einem starken Maß dran am Puls der Zeit und stehen in engem Kontakt zu den Beiräten aller Seniorenresidenzen des Augustinum. Wir halten unsere Sitzungen immer in anderen Seniorenresidenzen ab und befinden uns in engem Austausch mit den dortigen Beiräten. Ich selbst stehe auch immer in engem telefonischem Kontakt zu den Beiräten, wenn mich Anfragen aus anderen Häusern erreichen. Wichtig ist mir der persönliche Austausch, um Dinge zu klären und miteinander ins Gespräch zu kommen. Interessanterweise haben alle augustinischen Häuser einen eigenen Charakter trotz des gemeinsamen Grundkonzepts. Gerne geben wir deshalb Ideen aus anderen Seniorenresidenzen weiter. Eine Frage ist z.B., wie man neue Bewohnerinnen und Bewohner in die Hausgemeinschaft einbinden kann. Es gibt in vielen augustinischen Häusern Programme wie Wandergruppen oder Musik-Kurse, die von Bewohnerinnen und Bewohnern angeboten werden. Auf unserer Jahrestagung tauschen sich die Beiratsvorsitzenden über diese Ideen aus und nehmen Impulse mit in ihre Häuser.

In welchen Situationen wird Vielstimmigkeit im Sprecherrat besonders sichtbar und was hilft dabei, respektvoll im Gespräch zu bleiben?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Im Sprecherrat tragen wir Dinge zusammen und sind in vielen Angelegenheiten gemeinsamer Ansicht. Wir pflegen einen sehr positiven Ton im Umgang miteinander. Die Basis ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Das ist eigentlich völlig unspektakulär. Man kann das vielleicht mit der Hausarbeit vergleichen: Man nimmt nur wahr, wenn die Arbeit nicht gemacht ist. Die Kommunikation untereinander und mit dem Aufsichtsrat und der Geschäftsführung ist äußerst positiv und immer konstruktiv. Es gibt nicht mehr Reibung als nötig.

Wie wichtig ist Ihnen neben aller Ernsthaftigkeit eine gewisse Leichtigkeit und Fröhlichkeit in der Zusammenarbeit im Sprecherrat?

Das geht gar nicht anders als mit Fröhlichkeit im Umgang miteinander. Wir sind eine positive Gruppe, die viel zusammen lacht. Nach Sitzungen unternehmen wir auch immer etwas miteinander, einen gemeinsamen Spaziergang etwa. Für uns muss immer etwas Positives dabei sein. Ob eine Gruppe harmoniert, ist auch eine Frage des Glücks. Wir hatten dieses Glück von Anfang an.

Wie kann Vielstimmigkeit das Zusammenleben in der Seniorenresidenz stärken?

Die Vielfalt an Meinungen und Perspektiven bereichert das Zusammenleben in der Seniorenresidenz ganz ungemein. Es geht überhaupt nicht darum, Gegensätze vollständig aufzuheben, sondern die menschliche Fülle bewusst zu erkennen. Dies zeigt sich z.B. in den verschiedenen Initiativen von Bewohnerinnen und Bewohnern in den Häusern: Da beschäftigt sich etwa eine Gruppe mit französischen Chansons oder andere Gruppen mit unterschiedlichen Sprachen; viele Bewohnerinnen und Bewohner haben ja im Ausland gelebt. Es gibt Literaturkreise, Kunstwerkstätten und vieles mehr. Das ist wirklich sehr interessant und ungemein bereichernd. Diese Vielfalt ist sicherlich ein Grund, ins Augustinum einzuziehen.

Begegnungen mit der Welt

Aus 69 Ländern kommen die Mitarbeitenden der Augustinum Pflegegesellschaft. Damit praktizieren Menschen aus mehr als einem Drittel aller Länder dieser Erde den Dienst am Menschen in diesem Unternehmen. Unterstützt werden sie jährlich von ca. 200 Freiwilligen, die dieses Jahr zu 37 verschiedenen Nationen gehören, darunter Ecuador, Kirgistan, Kenia, Madagaskar, die Mongolei oder Sri Lanka – für viele ist es ein prägendes Jahr, für die Bewohnerinnen und Bewohner eine bereichernde Begegnung mit der Welt. Unterschiedliche Sprachen, kulturelle Prägungen und Lebenserfahrungen begegnen sich: in der Arbeit, in Gesprächen, im Lachen und im gemeinsamen Ringen um gute Lösungen. Und wie sieht es mit den Bewohnerinnen und Bewohnern aus? Die meisten besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, aber auch etliche Menschen aus Österreich und der Schweiz wohnen im Augustinum. Danach folgen die Länder USA und Niederlande auf Platz vier und fünf – und mit ihnen weitere kulturelle Hintergründe, Biografien und Blickwinkel. So entsteht Tag für Tag eine besondere Mischung: Dialekte treffen auf Weltsprachen, Traditionen auf neue Impulse, Lebenserfahrungen aus verschiedenen Kontinenten verweben sich miteinander. Eine wahrhaft fruchtbare Melange – oder besser gesagt: ein vielstimmiger Klangraum, in dem jede Stimme zählt.

Perspektiven austauschen

Ein Thema miteinander aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, in Austausch treten, seine eigene Sicht einbringen – das ist das Konzept der „Perspektiven“ im Augustinum Roth. Einmal im Monat beschäftigen sich 14 Damen und Herren dabei mit grundlegenden Lebensthemen wie „Mut“, „Hoffnung“ oder „Gesundheit“. Manchmal geht es auch um theologische oder spirituelle Fragen, zum Beispiel „Das Kreuz mit dem Kreuz – Ärgernis oder Zeichen des Heils?“ Immer unter dem Blickwinkel „Philosophieren & Theologisieren“, aber auch mit Erzählungen aus dem eigenen Leben. Pfarrerin Andrea Jülich bereitet die Inhalte vor, moderiert die Gesprächsrunde und leitet sie mit einem kurzen Impuls ein. Schnell heben sich Hände und die Teilnehmenden erzählen von ihren Erfahrungen und Gedanken. Manche kommen regelmäßig, andere nur bei bestimmten Fragestellungen. Immer mal wieder sind neue Bewohnerinnen und Bewohner dabei. Manchmal wird hart diskutiert, manchmal ist es eher ein Austausch eigener, oft auch sehr persönlicher Einsichten. Dabei macht gerade die Vielstimmigkeit der Gedanken den Wert des Abends aus. Am Ende gibt es eine Blitzlichtrunde, in der, wer mag, in einem Satz festhält, welcher Gedanke ihm in diesem Gespräch wichtig wurde. Der Abend endet mit einem Vaterunser. Doch die Gespräche gehen dann manchmal auf dem Weg zurück in die Appartements weiter …

Hör mal, wer da spricht!

Einmal im Monat verwandelt sich das Theaterfoyer des Augustinum Bad Neuenahr zu einem Ort, an dem Bewohnerinnen und Bewohner bei einer Tasse Kaffee und Plätzchen Geschichten lauschen können, ausgewählt und vorgetragen von Mitbewohner*innen, manchmal mit Musik begleitet, oft humorvoll und immer anregend. „Hör mal, wer da spricht!“ heißt das Format, hinter dem eine Gruppe von fünf Bewohner*innen steht. Jutta Ulrich, Helmut Frielingsdorf, Josef Kühlem, Waltraud Gypkens und Ingrid Peren haben alle einen Bezug zu Texten, zwei waren in einer Theatergruppe, alle sind in der Schreibwerkstatt des Hauses, aus der zuweilen auch eigene Texte in die Nachmittage einfließen. Jutta Ulrich, die zusätzlich zweimal im Jahr im hauseigenen Theater Märchen erzählt, ist sogar ausgebildete Erzählerin. Entsprechend unterhaltsam sind die Nachmittage. Vorgetragen wird im Märchensessel, manchmal auch im Dialog zu zweit, und beim „Hör mal, wer da spricht!-Special“ trägt jede*r aus der Gruppe einen Text bei. Es gibt Geschichten zu Ehe und Humor, zu Tieren und zum Winter, und längst ist die Erzählstunde für viele ein fester Termin im Leben der Seniorenresidenz: 60 Bewohnerinnen und Bewohner kommen immer, oft sind es mehr.

Generationen im Dialog

Das Café Nashorn im Augustinum Meersburg ist immer ein guter Ort für anregende Gespräche und Austausch, umso mehr, wenn Gäste von außerhalb dazukommen. So geschehen beim Generationendinner im vergangenen Jahr, als dort 25 Bewohnerinnen und Bewohner, drei Philas und Philous des Freiwilligendienstes und neun Schülerinnen und Schüler der nahe gelegenen Schule Schloss Salem zusammenfanden. Der Abend stand unter dem Motto „Werte im Wandel – Was bleibt, was ändert sich?“ und begann mit einem gemeineinsamen Essen und Impulsvorträgen eines Bewohners und eines Lehrers. Gute Grundlagen für die anschließenden Gesprächsrunden an den 6er-Tischen, die durch Leitkarten einen roten Faden erhielten. Unter den Kategorien „Kennenlernen“, „Werte“ und „Visionen“ wurde unter anderem gefragt: „Wovon habe ich als Kind geträumt?“, „Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie?“ „Was ist Ihnen wichtiger: Freiheit oder Sicherheit – und warum?“ oder „Wie sieht ein idealer Tag im Jahr 2050 aus?“ Nach einem Gongschlag wechselten die jungen Leute den Tisch und ein neuer Austausch begann – vielstimmig im wahrsten Sinne des Wortes, mit spannenden Einblicken in die Sicht- und Lebensweise der verschiedenen Generationen und mit Lust auf mehr.

Tom Yam mit Gung

Viele Stimmen sind im Augustinum nicht nur durch die Menschen, die hier leben und arbeiten zuhause, sie haben auch Einfluss auf die Küche in den Seniorenresidenzen: Tom Yam Gung, Shakshuka, Fregola Sarda und Blini etwa sind gern gesehene Gäste in der Augustinum Gastronomie und bereichern diese um neue Geschmacksrichtungen, Gewürze und Zubereitungsarten. Die Gerichte aus Thailand und Nordafrika, aus Sardinien und Osteuropa sowie viele weitere internationale Speisen fördern zudem die Kreativität der Köche. Traditionelle Gerichte werden neu interpretiert und mit anderen Zutaten kombiniert – oder auch andersherum: Internationale Gerichte werden in Hinblick auf eine gesundheitsbewusste Ernährung den Bedürfnissen im Augustinum angepasst. Die thailändische Suppe Tom Yam wird mit Garnelen (gung) serviert, die essenzielle Omega-3-Fettsäuren liefern. Bei der Shakshuka ersetzen die Köche die pochierten Eier durch Falafel, fettfrei im Ofen gegarte Bällchen auf Kichererbsen-Basis, um auch pflanzliches Eiweiß in den Speiseplan einzubauen. Der dazu gereichte Joghurt-Dip liefert tierisches Eiweiß und Kalzium; die frische Minze ebenso wie die orientalischen Gewürze ätherische Öle, die entzündungshemmend und antibakteriell wirken. Bei den Blini, kleinen runden Pfannkuchen, wird die Milch durch Buttermilch mit einem geringeren Fettanteil ersetzt, der Salat aus roter Bete, Frisée und Apfel fördert mit seinen Ballaststoffen die Verdauung. So entstehen innovative Speisen, die das Beste aus verschiedenen Küchen vereinen.