Mut hat viele Gesichter. Er äußert sich nicht immer in großen Heldentaten. Manchmal reicht es, eine verschlüsselte Botschaft zu platzieren, sich gegen die Mehrheitsmeinung zu stellen oder ein Geländer hinunterzurutschen: Neun Geschichten über ungewöhnliche Aktionen, eine Göttin und Experimente mit überraschendem Ausgang.
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Tantparkour
Wenn in schwedischen Städten auf einmal Seniorinnen zu sehen sind, die auf Bordsteinkanten balancieren, unter Geländern hindurchklettern oder auf ihnen herunterrutschen, dann ist das nicht nur eine ziemlich lustige Angelegenheit, sondern ein Bewegungstrend, der 2023 sogar die schwedische Wortschöpfung des Jahres wurde: Tantparkour setzt sich zusammen aus dem schwedischen Wort Tant für Tante oder ältere Frau und Parkour, also einer Strecke mit Hindernissen. Die Idee dazu hatte Maria Ringsén, die auf einer Wanderung feststellte, dass sie sich nicht mehr traute, was früher kein Problem gewesen wäre: über einen kleinen Bach zu springen. Sie beschloss, sich ihre Beweglichkeit zurückzuerobern und fand dazu nicht nur jede Menge Gelegenheiten im öffentlichen Raum, sondern auch begeisterte Anhängerinnen. Videos zeigen: Die Damen haben jede Menge Spaß, spielen mit Mauern, Bäumen, Geländern, helfen sich gegenseitig und erhalten sich dadurch ihre Mobilität. Nachmachen empfohlen!
J. Salomon / public domain (nachträglich koloriert)
Zuschauereffekt
Gemeinsam gegen Unrecht einschreiten – das sollte eigentlich leichter sein, als wenn man allein ist. Tatsächlich ist oft genau das Gegenteil der Fall. Das besagt der sogenannte Zuschauereffekt, nach dem einzelne Personen weniger wahrscheinlich in eine Notsituation eingreifen, je mehr andere Personen vor Ort sind. Ausgangspunkt für die diesem zugrundeliegenden Forschungen war die Ermordung der US-Amerikanerin Kitty Genovese 1964 in New York, die von mehreren Nachbarn beobachtet worden war, die jedoch nicht eingriffen. Als Gründe nennen Sozialpsycholog*innen die Angst, von anderen negativ beurteilt zu werden, das Gefühl weniger Verantwortung zu tragen, wenn mehr Zuschauende anwesend sind, und die Überzeugung, dass es sich nicht um eine Notsituation handeln kann, wenn kein anderer eingreift. Der Zuschauereffekt wurde in zahlreichen Studien festgestellt, ist aber nicht allgemeingültig – immer wieder gibt es auch Beispiele von Zivilcourage. Und da hilft es generell, nicht allein zu sein.
Metropolitan Museum of Art – cc 1.0
Eine Göttin namens Mut
Mut ist weiblich. Zumindest in der ägyptischen Mythologie. Dort nämlich findet sich Mut als Himmelsgöttin und Weltenmutter. Aus ihrem Leib soll Isis zusammen mit Osiris geboren worden sein. Als Gemahlin von Amun, Gott von Theben, gebar sie den Mondgott Chons, und sie gilt als symbolische Mutter des Pharao. Mut wurde besonders in Theben verehrt, wo jährlich ein Fest stattfand, das die Hochzeit von Amun und Mut feierte. Die Göttin trägt meist ein buntes Gewand und einen Kopfschmuck in Form einer Geierhaube, über dem die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten sitzt. Zuweilen erscheint sie mit geflügelten Armen, die schützend ausgestreckt sind, oder als „Herrin der Neun Bogen“, die dem Pharao den Krummsäbel des Krieges anbietet, damit er die Feinde Ägyptens vernichten kann.
Fox Sports, cc 3.0
Alex Honnold, die Angst und die Amygdala
Dem US-amerikanischen Extremkletterer Alex Honnold gelang, was viele für unmöglich hielten: das Erklimmen der rund 1.000 Meter hohen Felswand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark, ganz ohne Sicherung. Um seinem Mut auf die Spur zu kommen, untersuchte die Neurowissenschaftlerin Jane Joseph 2016 sein Gehirn mittels funktioneller Magnetresonanztomographie – mit Aufsehen erregendem Ergebnis: Honnold besitzt zwar eine normal entwickelte Amygdala, jenes Hirnareal, das Angst- und Bedrohungsreize verarbeitet. Im Gehirnscanner zeigte diese jedoch, anders als bei Vergleichspersonen, auf angstauslösende Bilder kaum Reaktionen. Die Forscher vermuteten daher eine außergewöhnlich hohe Reizschwelle für Angst. Honnold warnt jedoch vor vorschnellen Schlüssen. Seine Gelassenheit sei nicht allein biologisch bedingt. Intensive Vorbereitung, wiederholte Konfrontation mit Risiken und unzählige Stunden Training hätten ihm geholfen, seine noch vorhandene, inzwischen aber sehr viel geringere Angst zu kontrollieren.
Offene Proteste gegen die russische Invasion in die Ukraine? In dem diktatorischen Regime des heutigen Russland sind diese mit hohem Risiko verbunden, selbst eine Einzelaktion kann nach dem sogenannten Fake News-Gesetz mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden. Und trotzdem gibt es Menschen, die ihren Widerstand äußern – subtil, subversiv und kreativ. Als populäres Antikriegssymbol hat sich auf diese Weise der Karpfen etabliert: Im Dezember 2022 musste sich Alisa Klimentova im sibirischen Tjumen vor Gericht verantworten, weil sie auf den Bürgersteig „Net w***e“ geschrieben hatte. Der verbotene Slogan lautete „Net woine“ – „Nein zum Krieg“. Da sie aber nur das W am Anfang und das e am Ende des Wortes geschrieben hatte, erklärte die Aktivistin vor Gericht, dass sie nicht „Net woine“ sagen wollte, sondern „Net woble“ – „Nein zum Karpfen“, weil sie diesen Fisch nicht möge. Eine Net-Woble-Welle erfasste Russland, bis hin zur Umbenennung von Tolstojs Roman in „Wobla und Frieden“.
Klamme Kassen, Abwanderung und die Sorge, wie es mit ihrem Dorf weitergehen soll, brachten den 600-Einwohner-Ort Mörsdorf im Hunsrück auf eine im doppelten Sinne mutige Idee: Die Errichtung einer 360 Meter langen und an ihrer höchsten Stelle 100 Meter hohen Hängeseilbrücke, einzig zu dem Zweck, den Tourismus anzukurbeln. Zunächst als nicht realisierbar verworfen, brachten drei Bürger der Gemeinde die Idee 2015 zur Umsetzung – mit vollem Erfolg. Bis heute haben mehr als 3,2 Millionen Menschen den Schritt auf die Brücke gewagt und der Gemeinde allein durch die Parkplatzgebühren jährliche Einnahmen von rund 700.000 Euro gebracht. Die Begehung der Brücke selbst ist kostenlos, garantiert ein unvergessliches Erlebnis mit hohem Adrenalinschub und eine gehörige Portion Stolz, wenn man die Herausforderung gemeistert hat.
shutterstock – W. Chawarung
ALS Ice Bucket Challenge
Weltweit mehr als 200 Millionen US-Dollar an Spenden und jede Menge prominente Unterstützung: Die ALS Ice Bucket Challenge (deutsch: Eiskübelherausforderung) wurde 2014 zu einem der größten viralen Hits der Internetgeschichte. Um auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam zu machen, wurde dazu aufgerufen, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und danach Personen für das Nachmachen zu nominieren sowie 10 US-Dollar (bzw. Euro) an die ALS Association zu spenden. Wer sich nicht nass machen wollte, sollte den 10-fachen Betrag spenden. Zumeist wurden die Teilnehmer öffentlich über soziale Netzwerke zur Teilnahme herausgefordert. Die Challenge musste innerhalb von 24 Stunden angenommen und mit einem hochzuladenden Video in sozialen Netzwerken belegt werden. Der Erfolg war auch in Deutschland spürbar: So konnte etwa die Berliner Charité die Arbeit ihrer ALS-Ambulanz für zwei Jahre absichern und ihr Versorgungsangebot erweitern.
KI – top
Vom Zwang der Gruppe
Sich allein gegen die Meinung der Mehrheit zu stellen, verlangt den meisten Menschen Mut ab – auch, wenn die Mehrheitsmeinung eindeutig falsch ist. Das zeigte der US-amerikanische Psychologe Solomon Asch 1951 in einem Experiment, das zu einer der berühmtesten Studien der Sozialpsychologie wurde: Einer Gruppe von Teilnehmern wurden zwei Karten gezeigt. Auf der linken war eine Referenzlinie zu sehen, auf der rechten drei unterschiedlich lange Vergleichslinien. Die Teilnehmer mussten in mehreren Runden reihum sagen, welche der drei Vergleichslinien so lang war wie die Referenzlinie. Das Experiment galt aber nur einer Person; alle anderen waren vorher angewiesen worden, nur in den ersten Runden die korrekte Antwort zu geben, in den nachfolgenden aber einstimmig eine falsche. Was passierte? Die Testpersonen, die jeweils am Schluss an der Reihe waren, passten sich in den meisten Fällen der falschen Meinung an; nur etwa ein Viertel von ihnen blieb standhaft bei der richtigen Antwort.
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Der Salto der Rotrückenspinnen
Anders als beim Menschen kann der Akt der Fortpflanzung bei vielen Tieren mit erheblichen Risiken verbunden sein. Bereits das Anlocken des Partners durch Laute oder farbige Auffälligkeiten während der Paarungszeit birgt immer auch die Gefahr, dass Fressfeinde aufmerksam werden. Weitaus risikoreicher ist das Verhalten des Männchens beim Fortpflanzungsakt der Rotrückenspinnen: Es vollzieht während der Paarung einen Rückwärtssalto direkt in die Giftzähne des Weibchens. Dabei verengt es jedoch seinen Hinterleib stark, um die Folgen des Bisses zu reduzieren und diesen zu überleben: Ein zweiter Paarungsakt wird möglich, bei dem das Männchen sein Sperma in beide Samentaschen abgeben und so alle Eier des Weibchens befruchten kann. Kannibalisierte Männchen paaren sich also länger und befruchten doppelt so viele Eier. Und grundsätzlich gilt: Nicht diejenigen Individuen, die besonders alt werden, sind die stärksten, sondern die, die am meisten vitale Nachkommen zeugen.