Götter reden in Steinen

Ein Blick zurück auf die Zeit, als die Skulpturen lebendig wurden

Es soll heißen Götter sind Stein.
Soll ein fallengelassener Stein trommeln am Boden?
Geworfener Schotter läuten?
Lasst Steine sprechen
Mit Zungen die in allen Zungen reden.

Dylan Thomas

von Christian Topp

Ein gewöhnlicher Stein ist mehr oder weniger hart, recht haltbar und nach aktuellem Wissensstand völlig leblos. Naheliegend ist es also nicht, dieses Material zu nehmen, um daraus etwas Lebendiges zu schaffen. Und dennoch hat der Mensch, soweit man heute weiß, bereits vor mehreren 10.000 Jahren angefangen, Lebewesen aus Stein zu schaffen. Die Venus von Willendorf ist so ein Beispiel, eine altsteinzeitliche Frauen-Figurine, die im August 1908 bei Bauarbeiten in der Wachau in Österreich gefunden wurde. Sie ist wahrscheinlich bereits 27.000 Jahre vor Christus aus jurassischem Oolith, manchen auch als Eierstein bekannt, mit Werkzeugen herausgearbeitet worden. Mittlerweile hat man über Europa verteilt rund 200 ähnliche Figuren gefunden.

Aber erst im antiken Griechenland, rund 500 Jahre vor Christi Geburt, geschah etwas, das bis heute verblüfft: Stein wurde lebendig. Schon viele Jahrtausende lang hatten die Menschen Figuren aus dem nur mühsam mit Werkzeugen zu bearbeitenden Material geschaffen: Götter, Herrscher, Ahnen. Doch diese Figuren waren keine Abbilder konkreter Menschen, sondern eher Träger einer abstrakten Idee. Ein ägyptischer Pharao hatte unter diesen Bedingungen zeitlos jung zu sein, einen mesopotamischen König erkannte man vor allem daran, dass er größer dargestellt wurde als seine Umgebung.

Noch 600 Jahre vor Christus wurde auch die Kunst der alten Griechen von eher schematischen in Stein gehauenen Ausdrucksformen geprägt. Die „Kuroi“-Skulpturen, aufrecht stehende und meist unergründlich lächelnde Jünglinge, sowie ihre Schwestern, die „Koren“, zeigen auch aufgrund ihrer frontalen Symmetrie wenig Individualität. Dann aber, zwei, drei Jahrhunderte vor Christi Geburt, wandelte sich die Bildhauerei radikal. Muskeln spannen sich nun unter der Haut, das Gewicht verlagert sich auf ein Standbein, die Haltung der Figuren scheint plötzlich wie eine dynamische Momentaufnahme einer größeren Bewegung, der Brustkorb hebt sich. Auf einmal gehorchen die Steine den Gesetzen der menschlichen Anatomie.

Noch heute beeindrucken die Skulpturen und Reliefe aus hellenistischer Zeit durch ihren Naturalismus. Der rund 110 Meter lange und 2,30 Meter hohe Gigantomachiefries am Pergamonaltar, zu sehen auf der Berliner Museumsinsel, illustriert den mythischen Kampf der Götter gegen die Kinder der Urgöttin Gaia. Auf ihm sind keine abstrakten Helden unterwegs, sondern sehr individuelle Menschen, die um ihren Platz in der Gesellschaft ringen. Die Venus von Milo, Nike von Samothrake und auch die Figuren am Parthenon-Tempel auf der Athener Akropolis stehen weit oben auf den To-see-Listen des internationalen Tourismus.

Einige der berühmten Skulpturen waren ursprünglich aus Bronze. Gerade in kriegerischen, also eher kunstfeindlichen Zeiten landeten sie schnell einmal im Schmelzofen. Die meisten haben nur überlebt, weil ihr Besitz im Römischen Reich als Ausdruck von Bildung und Geschmack galt. Das uralte Marktgesetz von Angebot und Nachfrage sorgte dafür, dass in prosperierenden Epochen hochwertige und kunstfertige römische Kopien angefertigt wurden – die Vatikanischen Museen und die Münchner Glyptothek profitieren immer noch davon.

Dass die Steine gerade im antiken Griechenland zum Leben erweckt wurden, hat auch praktische Gründe. In dieser Region wurde bereits damals hochwertiger Marmor in großen Mengen abgebaut. Das harte Material mit seiner feinen Kristallstruktur lässt sich präzise bearbeiten. Meißel, Bohrer, Raspeln oder Schleifsteine erzeugen sehr unterschiedliche Oberflächen. Glatt polierter Marmor erinnert an menschliche Haut, während tief eingeschnittene Strukturen Haare, Gesichter und auch die Stoff-Falten der Gewänder plastisch und individuell wirken lassen.

Und schließlich fiel die „Menschwerdung“ der Steine in eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Der Blick auf das Individuum gewann an Bedeutung, die Überzeugung, dass die Welt nicht nur aus Mythen besteht, sondern von erkennbaren naturwissenschaftlichen und sozialen Gesetzmäßigkeiten angetrieben wird, setzte sich durch. Dieses neue Menschenbild manifestierte sich in der Kunst. Nicht länger erzählte sie ausschließlich von göttlicher oder königlicher Macht, sondern stellte immer mehr den menschlichen Körper in den Mittelpunkt – als Ausdruck von Charakter, Tugend, Disziplin und Schönheit. Plötzlich waren Falten, Müdigkeit, Alter, Schmerz und individuelle Gesichtszüge zu sehen. Bettler, Kinder und Greise wurden ebenso im Stein verewigt wie Helden und Herrscher.

Lasst Steine sprechen!