Die meisten Mitglieder der Theater- und Lesegruppe im Augustinum Essen standen in der Seniorenresidenz zum ersten Mal auf einer Bühne – und fast alle hatten Lampenfieber. In der Gemeinschaft entwickelten sie den Mut, vor Publikum aufzutreten, und wurden dafür nicht nur durch Applaus belohnt.
Mut zeigt sich nicht immer in großen Gesten. Manchmal beginnt er mit einem ersten Schritt auf eine Bühne, mit dem ersten gesprochenen Satz vor Publikum oder der Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren. Die Geschichte der Theater- und Lesegruppe rund um Dr. Margaret Klare im Augustinum Essen ist dafür ein wunderbares Beispiel.
Als Margaret Klare im Jahr 2000 ins Augustinum einzog, hatte sie bereits beim Probewohnen eine zukunftsweisende Eingebung. Als sie zum ersten Mal das Restaurant betrat, war sie überzeugt: „Mit diesen Menschen kann man etwas Besonderes machen.“ Rückblickend sollte sie damit recht behalten.
Bereits im nächsten Jahr kam es zur ersten Theateraufführung mit etwa 15 Bewohner*innen und Mitarbeitenden. Gespielt wurde der Einakter „Das lange Weihnachtsmahl“ von Thornton Wilder, zu dem Margaret Klare den zweiten Akt geschrieben hatte. Anfangs war es schwer Schauspieler zu finden (vor allem männliche), doch das änderte sich bald. Der Mut der ersten Mutigen wirkte ansteckend.
Aus den ersten Theateraufführungen entstanden Lesungen mit Bildern, musikalische Projekte und viele kreative Inszenierungen. Die heutige Theatergruppe besteht seit rund zehn Jahren aus engagierten Mitwirkenden wie Ingrid Jantzen, Dr. Heribert Bertling, Heribert Böning, Ursula Schmidt sowie Dr. Kirsten Helling. Letztere lebt inzwischen nicht mehr im Haus, begleitet die Gruppe jedoch weiterhin musikalisch und bleibt so ein wichtiger Teil der Gemeinschaft.
Jährlich fanden ein bis zwei Aufführungen statt, die letzte im Juli dieses Jahres. Die Truppe wuchs und änderte sich. Manche fielen „naturgemäß“ aus, andere kamen hinzu. Die Bereitschaft blieb bis heute. Das Besondere dabei: Fast alle Mitwirkenden standen im Augustinum Essen zum ersten Mal auf der Bühne. Für viele war dies ein Schritt aus der eigenen Komfortzone und damit ein Akt echten Mutes. Margaret Klare selbst kennt die Welt des Theaters bereits seit ihrer Kindheit. Schon in der Schule spielte sie in Theatergruppen und setzte dieses Hobby später gemeinsam mit Studierenden fort. Darüber hinaus schrieb sie eigene Stücke, darunter „Der Heiratsschwindler“ und „Der Vorvertrag“, die mit einem Augenzwinkern kleine Sticheleien auf das Augustinum enthielten.
Neben den Theaterstücken entstanden viele Power-Point-Präsentationen, immer mit vielen Bildern, viel Poesie und Musik. Themen waren zum Beispiel: „Wilhelm Busch“, „Die Reise des kleinen Prinzen“ oder „Es weihnachtet sehr.“
„Sobald der letzte Applaus verklungen ist, überwiegen Freude, Erleichterung und das besondere Gefühl, etwas gemeinsam geschafft zu haben.“
Auch wenn die Erfahrung unterschiedlich ist, eines verbindet alle Beteiligten: das Lampenfieber. Die Nervosität gehört einfach dazu. Margaret Klare zittert vor jeder Aufführung mit ihren Mitspielenden mit. Dabei macht sie nie strenge Vorgaben, sondern lässt den Mitspielenden Raum, ihre Rollen selbst zu entdecken. So entstehen authentische Darstellungen, die von den Persönlichkeiten der Beteiligten geprägt sind.
Und sobald der letzte Applaus verklungen ist, überwiegen Freude, Erleichterung und das besondere Gefühl, etwas gemeinsam geschafft zu haben. Die Anerkennung und Wertschätzung der Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ist für viele ein besonders schöner Moment und zeigt, dass sich der Mut, auf die Bühne zu treten, lohnt.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieser langjährigen Theaterarbeit: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Aufregung, Unsicherheit und Lampenfieber den Schritt auf die Bühne zu wagen. Die vielen Aufführungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie aus diesem Mut Gemeinschaft entstehen kann, wie Talente sichtbar werden und wie Menschen über sich hinauswachsen.