Autisten fallen oft durchs Raster

Tagesstätten

Wissenswert

Frühkindlicher Autismus als Beispiel

Ein Junge, genannt Tim, acht Jahre alt, greift nach einer Tomate beim gemeinsamen Mittagessen in der heilpädagogischen Augustinum Tagesstätte und zerdrückt sie. Der Saft und die Kerne der Tomate tropfen an seinen Händen hinunter. Er läuft auf den Gang und setzt sich allein ans Fenster, starrt hinaus. Eigentlich hätte es wie immer dienstags eine Suppe zum Mittagessen geben sollen. Aufgrund der sommerlichen Temperaturen gibt es Salat, eine unzerschnittene Cocktailtomate lag am Tellerrand.

Er kommt seit ein paar Jahren nach der Förderschule am Mittag in die Augustinum Tagesstätte, isst dort mit den anderen Kindern und hüpft gern Trampolin im Garten, nimmt an der Musikgruppe teil oder legt sich in die Hängematte in einem der Aufenthaltsräume. Er braucht klare Strukturen, Platz und Orientierung im Raum, Möglichkeiten für Rückzug und Entspannung. In einem separaten Raum kann er in Anwesenheit einer Bezugsperson wieder gut zur Ruhe kommen.

Alles braucht seinen festen Platz

Tim hat eine Autismus-Spektrum-Störung, es wurde ihm frühkindlicher Autismus diagnostiziert. In der Kontaktaufnahme zu anderen Personen ist er erheblich eingeschränkt. Trotz einer festgestellten Intelligenzminderung ist Tim ein schlaues Kind, kann Farben, Zahlen und Buchstaben unterscheiden. Die Verbalisierung seiner Bedürfnisse gelingt nicht, jedoch zeigt er seine Bedürfnisse durch sein Verhalten, die Mimik und Gestik. Der Junge kann nur kurzzeitig aus den Augen gelassen werden. Er greift sich wahllos Dinge und zerstört diese ständig ohne es zu wollen, weil ihm ein angemessener Umgang damit nicht möglich ist. Alles braucht seinen festen Platz und seine Routine, damit er sich sicher fühlt und mit den Sachen und dem Alltag insgesamt umgehen kann.

In seiner Not, nicht verstanden zu werden, wird Tim manchmal impulsiv gegenüber Gegenständen und anderen Menschen. Er hat starke Stimmungsschwankungen und verfügt über wenig Gefahrenbewusstsein. Viele Kinder in räumlicher Nähe überfordern ihn. Durch sein Verhalten, verursacht durch Verunsicherung, Orientierungslosigkeit und Reizüberflutung, gehen andere Kinder zeitweise auf Distanz zu ihm.

Es ist ein hoher Anspruch an Bezugspersonen, Pädagog*innen und Erzieher*innen herauszufinden, was er braucht und was ihm guttut. Für ihn ist es wichtig, seinen Platz im Raum zu finden und die Dinge in seiner Umgebung zuordnen zu können. Sobald er sich sicher und geborgen fühlt, wird er ausgeglichen und ruhiger. Dann ist er in der Lage, fröhlich am Geschehen teilzunehmen.

Dies ist nur eins von vielen Beispielen, wie eine autistische Beeinträchtigung das Leben eines Menschen bestimmen kann. Es gibt keine festgelegte Anzahl an Autismus-Formen oder -Ausprägungen, Menschen mit Autismus passen in keine Schublade. Vielmehr ist es wichtig, jeden Menschen mit seinen autistischen Zügen individuell zu sehen, zu berücksichtigen und gesellschaftlich bestmöglich zu inkludieren.

Weitere Infos unter: www.autismus.de